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200 Jahre Sebastian Kneipp: Pfarrer, Heilkundiger – und Visionär

Kommentar schreiben Freitag, 06. August 2021

Wer kennt ihn nicht, den Namen Sebastian Kneipp? Untrennbar verbunden ist dieser Name mit dem Wasser, genauer gesagt, dem Wassertreten. Als Begründer der sogenannten Hydrotherapie, also der medizinischen Behandlung mit Wasser, und einer ganzheitlichen Naturheilkunde wurde Sebastian Kneipp berühmt – obwohl er ja eigentlich Pfarrer war. Dieses Jahr wäre der katholische Geistliche aus der oberschwäbischen Provinz 200 Jahre geworden. Das wollten seine vielen Tausend Anhänger eigentlich ausgiebig und mit unzähligen Veranstaltungen feiern – nur machte die Corona-Pandemie vielen Jubiläums-Events einen dicken Strich durch die Rechnung. Welch ein Widersinn, da doch gerade das ganzheitliche Konzept Kneipps wegen seiner immunstärkenden Effekte gegen Infektionskrankheiten hochwirksam sein kann. Wie auch immer – auch ganz ohne großen Pomp lässt sich sagen: Sebastian Kneipp hat die naturorientierte Medizin bis heute entscheidend geprägt und lebt in der modernen Naturheilkunde fort. Ein Mann und sein Vermächtnis: Wir stellen beide hier noch einmal genauer vor. 

 

 

Vom armen Bub zum Gymnasiasten und Pfarrer ...

Dass aus dem Sohn eines armen Webers, der im Mai 1821 im oberschwäbischen Stephansried geboren wurde, einmal ein international berühmter Naturheilkundler werden würde, hätte damals sicher niemand gedacht. Sebastian Kneipps Start ins Leben war nicht leicht, die vielköpfige Familie hielt sich mit verschiedenen Hilfsarbeiten über Wasser, auch der kleine „Baschtl“ musste schon frühzeitig mit anpacken. In der Dorfschule in Ottobeuren fiel er als guter Schüler auf und zeigte Ehrgeiz – mit dem Ergebnis, dass er als 23-Jähriger in Dillingen aufs Gymnasium gehen und wenige Jahre später sein Wunschstudium der Theologie beginnen konnte. 1852 war dann aus dem armen Buben ein katholischer Priester geworden.

 

... vom Selbstversuch zum kompletten Gesundheitskonzept

Pfarrer Kneipp verschrieb sich allerdings nicht nur dem lieben Gott, sondern entwickelte auch eine ausgeprägte Leidenschaft für die Heilkraft der Natur. Entstanden war diese durch seine Lungenkrankheit, vermutlich Tuberkulose, die ihn schon als jungen Mann plagte und die er, nachdem die Ärzte ihm nicht wirklich helfen konnten, eigenständig mittels Selbstversuchen mit frischem, kaltem Wasser bekämpfte.

Darauf gekommen war er durch ein – damals schon über 100 Jahre altes – Buch des schlesischen Arztes Johann Siegmund Hahn: „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen" hieß das Werk, in dem alles, was damals zum Thema Kaltwassertherapie bekannt war, nachzulesen war.

Kneipp war das Werk zufällig in die Hände gefallen; er las es, war auf Anhieb fasziniert – und startete mit seiner Selbsttherapie: eisige Bäder im Fluss, Wassergüsse und andere Anwendungen mit dem kühlen Nass. Und genau das, davon war Kneipp überzeugt, befreite ihn schließlich von seinem Leiden. Die eigene Heilerfahrung war es also, die Kneipps Lebenswerk begründete. Auf dieser Basis erweiterte er immer mehr sein Wissen über die Wassertherapie und die Heilkraft der Natur.

Durch genaue Beobachtung und die immer größer werdende Erfahrung bei der Behandlung von Kranken (die, weil sie bei den offiziellen Ärzten keine Hilfe fanden, in rasch wachsender Anzahl zu ihm strömten), hatte Kneipp sich bald ein umfangreiches naturheilkundliches Wissen angeeignet und konnte beachtliche medizinische Erfolge erzielen – obwohl er lange Zeit keine offizielle Erlaubnis zur Ausübung einer Heiltätigkeit besaß. So entwickelte er nach und nach sein eigenes, ganzheitliches Gesundheitskonzept und wies gleichzeitig immer wieder auf die vorbeugende Wirkung einer gesunden Lebensweise hin.

 

 

Von Ärzten als „Kurpfuscher“ angefeindet

Mit seiner naturorientierten Medizin wurde Pfarrer Kneipp zum Vorreiter der heute so etablierten ganzheitlichen Naturheilkunde, die freilich in der Zeit des 19. Jahrhunderts vom damaligen Ärztestand noch völlig ignoriert wurde. Doch im Gegensatz zur Schulmedizin gab es offenbar schon seinerzeit eine große Offenheit der Menschen für die „Apotheke Natur“.

Bald setzten nicht mehr nur das einfache Volk, sondern auch immer mehr Adlige und Geistliche aus aller Herren Ländern ihre Hoffnung auf Kneipps Heilkünste; dieser wiederum blieb trotz aller Popularität unerschütterlich bei seinem Grundsatz, alle Patienten gleich zu behandeln, egal ob arm oder reich.

Gesund wurden viele unter seiner Therapie, ebenfalls ganz unabhängig von ihrem Geld und ihrer sozialen Stellung. Es versteht sich, dass die Vertreter der ehrenwerten Schulmedizin diesem Treiben nicht gerne zusahen. Immer wieder warfen Ärzte dem Laienmediziner Kurpfuscherei und Schlimmeres vor und legten im Kampf gegen den Rivalen nicht selten harte Bandagen an; mehrfach stand Kneipp vor Gericht. Doch wirklich etwas anhaben konnten seine Gegner dem erfolgreichen Pfarrer nicht. 

Kneipp scheint neben seinen Tätigkeiten als Pfarrer und als Naturtherapeut förmlich rund um die Uhr aktiv gewesen sein. So richtete er unter anderem wohltätige Stiftungen ein, hielt Vorträge und wetterte dabei regelmäßig gegen die moderne, seiner Meinung nach krankmachende Lebensweise.

Außerdem stellte er als Geistlicher im Dominikanerinnen-Kloster Wörishofen (dem heutigen Kneipp-Museum) die Landwirtschaft auf ganz neue Grundlagen und erwarb ständig weiteres Wissen, das er umgehend weitergab, etwa um Heilkräuter und Bienenzucht.

Bis heute bekannt und vielfach verkauft sind Kneipps Bücher, vor allem die beiden Hauptwerke „Meine Wasserkur“ und „So sollt ihr leben“.

 

Durch Kneipp wurde Wörishofen zum Kurort

Als Sebastian Kneipp zu Ruhm und Ehren kam, lebte er schon lange Zeit als Geistlicher in Wörishofen, dem heutigen anerkannten Kneipp-Kurort Bad Wörishofen. Zu Kneipps Lebzeiten pilgerten Abertausende dorthin, wo der heilkundige Pfarrer wirkte.

Somit ist es auch Kneipp zu verdanken, dass in dem bayerischen Örtchen ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Gesundheits- und Kureinrichtungen für Hydro- und Naturmedizin aufgebaut wurden, sodass es Ende des 19. Jahrhunderts auch ganz offiziell zum Kurort ernannt wurde. Das hat Sebastian Kneipp gerade noch erlebt, bevor er 1897 seinen letzten Atemzug tat.

Er starb als weithin berühmter, geachteter und sogar vom Papst zum „Monsignore“ erhobener Mann – obwohl er nach wie vor viele Gegner hatte und in einigen Presseberichten übel angegangen wurde. Doch sollte das seinem bis heute andauernden Ruhm keinen Abbruch tun. Und selbst die Vertreter der Schulmedizin hatten sich letztendlich mit ihm versöhnt: In der „Ärztezeitung“ wurde ein äußerst wohlwollender Nachruf auf den einst so geschmähten „Kurpfuscher“ veröffentlicht.

Vielleicht hätte Kneipp noch länger gelebt, wenn er auf den Rat seiner Ärzte gehört hätte. Denn sie rieten ihrem berühmten Patienten dringend dazu, einen Tumor im Unterleib operativ entfernen zu lassen. Doch, wie könnte es anders sein, der überzeugteste Anhänger der Naturmedizin lehnte dies ab. 

 

Kneipps Vermächtnis: weltweit verbreitet

Sebastian Kneipps Vermächtnis ist groß und heute in aller Welt, vor allem aber in Deutschland an zahllosen Orten zu finden. Der deutsche Kneipp-Verband zählt allein 53 staatlich anerkannte Heilbäder und Kurorte, die hierzulande nach Kneipps Methoden arbeiten. Dazu kommen Kliniken, die ebenfalls die Hydrotherapie nach Kneipp anwenden, nicht zu vergessen die über 650 offenen Kneipp-Anlagen, die z. B. abseits von Wanderwegen oder in Naherholungsgebieten zum Wassertreten zwischendurch einladen.

Dazu kommen diverse Ehrungen: So hat z. B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereits 2010 den jährlichen „Sebastian-Kneipp-Tag“ an Kneipps Geburtstag, dem 17. Mai, als Gesundheitstag ausgerufen. Im Dezember 2015 wurde das Kneippen als „traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ von der UNESCO in das deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Und zu Kneipps diesjährigem 200. Geburtstag wurden u. a. Sonderbriefmarken und -münzen bis hin zu einer Sebastian Kneipp-Playmobil-Figur (mit Gesundheitslatschen und Gießkanne) herausgegeben sowie viele Gedenkveranstaltungen und Feierlichkeiten aufgelegt. Diese allerdings mussten zum Teil wegen der Corona-Pandemie – welch passendes Bild – buchstäblich ins Wasser fallen.

 

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Wassertreten, Armbäder, Kniegüsse ...

Klar ist aber auch: Den meisten ist Sebastian Kneipp und „das Kneippen“ ein Begriff, doch was genau sich hinter der Kneipp-Medizin verbirgt, wissen viele nicht. Wohl am bekanntesten sind das Wassertreten und die kalten Güsse, die nachweislich das Immunsystem anregen, die Durchblutung, den Kreislauf und den Stoffwechsel auf Touren bringen und bei regelmäßiger Anwendung gut abhärten können.

Dabei kommt es aber durchaus darauf an, dass man richtig „kneippt“. Wer seine Anwendungen bei einem Kneipp-Therapeuten oder im Rahmen einer Kneipp-Kur durchführt, kann natürlich sicher sein, dass er es richtig macht bzw. die richtige Anwendung lernt. Doch gerade bei den öffentlichen Kneipp-Anlagen in Wald und Flur kann man schon einiges falsch machen – und sich so um die positiven Effekte bringen.

So ist es gerade beim Wassertreten wichtig, im „Storchengang“ durchs Wasser zu gehen, also jeweils ein Bein ganz aus dem Wasser zu heben und die Fußspitze dabei nach unten zu halten. Sobald die Kälte anfängt zu beißen, sollte man aufhören – und anschließend die Füße nicht abtrocknen, sondern das Wasser nur leicht abstreifen und die Füße durch entspanntes Herumgehen wieder gut erwärmen.

Neben dem Wassertreten gehören Armbäder und Kniegüsse zu den bekanntesten Kneipp-Anwendungen. Beim Armbad werden die Arme vor dem Körper angewinkelt und in ein Becken oder eine Wanne mit kaltem Wasser bis über die Ellenbogen eingetaucht. Etwa zehn Sekunden hält man die Arme im Wasser und bewegt dabei leicht die Finger, bevor man sie herausnimmt, das Wasser abstreift und die Haut an der Luft trocknen und erwärmen lässt.

Beim Knieguss, den man gut zuhause in der Dusche oder Badewanne durchführen kann, gießt man – am besten mit einem Schlauch ohne Duschkopf oder auch mit einer Gießkanne – langsam kaltes Wasser über die Füße und Waden bis zum Knie, beginnend am rechten Fuß.

Das ist ein wichtiges Prinzip beim Kneippen: immer an der herzfernsten Stelle, also idealerweise am rechten Fuß oder auch am rechten Arm, beginnen, damit das Herz sich langsam an den Kältereiz gewöhnen kann. Wer regelmäßig kneippen und sich dabei wirklich etwas Gutes tun will, sollte also schon wissen, wie´s richtig geht – die besten Tipps kann man sich natürlich bei einem kompetenten Kneipp-Therapeuten holen.

Vorerkrankte Personen sollten keinesfalls einfach „drauflos kneippen“ und sich den teils schon recht starken Kältereizen aussetzen, sondern vorab mit ihrem Arzt sprechen.

 

Die 5 Elemente der Kneipp-Medizin

Zu Sebastian Kneipps therapeutischem Konzept gehört weit mehr als „ein bisschen Planschen“ mit und im kalten Wasser. Die Kneipp-Medizin ist eine ganzheitliche und durchaus sehr moderne naturorientierte Behandlungsmethode.

Seit Kneipps Zeiten wurde sie laufend den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst, doch grundlegend basiert sie bis heute auf den fünf Säulen, die Kneipp selbst für seine Therapie festgelegt hat: Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und Lebensordnung. Wasser ist in der Lage, den Organismus durch verschiedenartigste Reize anzuregen und damit die Körperfunktionen positiv zu regulieren.

Aktive und „passive“ Bewegung – von gezielten Übungen und maßvollem Ausgleichssport wie Schwimmen oder Wandern bis hin zu Bewegungsbädern und Massagen – fördert Fitness und Herz-Kreislauf-System, entspannt und sorgt nicht zuletzt für gute Laune. „Im Maße liegt die Ordnung, jedes Zuviel und jedes Zuwenig setzt an Stelle der Gesundheit Krankheit“, sprach Sebastian Kneipp und meinte damit, dass eine harmonische Balance von An- und Entspannung in allen Lebensbereichen die Gesundheit förderten.

Eine ausgewogene, naturbelassene Ernährung, mit Ruhe und Freude, am besten in netter Gesellschaft eingenommen, gilt für alle Kneippianer – und nicht nur für diese! – als wichtige Voraussetzung für Wohlbefinden und Gesundheit. Die vorbeugende und therapeutische Wirkung von heimischen Heilpflanzen wurde Sebastian Kneipp, der sich dabei auch auf die Tradition der Klostergärten stützte, nicht müde zu rühmen. 

Wegweisend ist bei diesem Konzept die Zielsetzung, das Immunsystem so zu unterstützen, dass körperliche und psychische Erkrankungen auf natürliche Weise abgewehrt oder sogar geheilt werden können. Die Überzeugung der Kneippianer: Ein starkes Immunsystem, zusammen mit körperlicher Fitness und einer gesunden Lebensweise, bringt die Selbstheilungskräfte auf Touren und sorgt für eine optimale Widerstandsfähigkeit gegen Stress und andere schädliche Einflüsse.

Grundlegende Überlegungen, die heute aktueller sind denn je – daran kann man sehen, wie weit Pfarrer Kneipp vor rund 150 Jahren seiner Zeit voraus war!

 

Die Selbstheilungskräfte anregen – gegen viele Erkrankungen

Basierend auf seinen immer gleichbleibenden Grundlagen erstreckt sich das Anwendungsgebiet der Kneipp-Medizin auf vielfältige Indikationen: psychosomatische Erkrankungen, Störungen des Stoffwechsels, Herz-Kreislauf- oder Schlafprobleme, Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates – bei allem kann Kneipp-Medizin zumindest unterstützend und lindernd wirken. Zudem eignen sich die meisten Anwendungen als hervorragende Präventionsmaßnahmen.

Der ganzheitlich orientierte Naturheilkundler Andreas Michalsen, Professor an der Charité Berlin, sagt in der „Apotheken Umschau“1:

„Ich empfehle Kneipp eigentlich allen unseren Patienten“ – auch weil sich viele Anwendungen gut in den häuslichen Alltag integrieren ließen. Gerade angesichts der weltweiten Zunahme der sogenannten „Zivilisationskrankheiten“ sei das Potenzial der Kneipp-Medizin größer denn je.

 

Heileffekte durch das „Prinzip des Wechsels“

Natürlich wirkt manche der alten Kneipp´schen Regeln heute eher erheiternd, etwa die Aussage über gesunde Bekleidung „Selbst gesponnen, selbst gemacht ist die beste Landestracht!" oder die Abwertung von festen Schuhen, die laut Kneipp nichts anderes als „Verkümmerungsmaschinen für den Fuß" waren. Doch viele seiner Überzeugungen werden auch von heutigen Medizinern voll und ganz geteilt; die gesundheitsfördernde und -erhaltende Wirkung gilt als unumstritten.

So weist etwa der Arzt für Allgemeinmedizin Heinz Leuchtgens, der auch Präsident des Kneippärztebunds in Wörishofen ist, darauf hin, dass Kneipp bereits einen guten Blick für die Entwicklungen der industriellen Revolution und ihre Folgen hatte, die sich zu Kneipps Lebzeiten erst anfänglich zeigten. Ein gesundes, naturverbundenes Leben war oft kaum noch möglich, man arbeitete tagelang, teils in schlechter Körperhaltung, in dunklen Räumen, es gab viel zu wenige Erholungspausen, die Lebens- und Wohnverhältnisse waren dürftig. Die Folge: Viele Menschen wurden krank.

Kneipps Heilmittel dagegen war die Zuflucht zur Natur und einfachen, aber umso effektiveren Maßnahmen: Entspannung, naturbelassene Ernährung, Wasseranwendungen und Barfußlaufen. Leuchtgens zufolge war Kneipps bahnbrechende Entdeckung vor diesem Hintergrund, dass „ein Heileffekt durch das Prinzip des Wechsels entsteht.“1 Denn gerade der Wechsel zwischen Kälte und Wärme, An- und Entspannung – also das sogenannte Reiz-Reaktions-Prinzip, das man u. a. auch beim Saunieren oder bei vielen Entspannungsmethoden nutzt – wirkt sich therapeutisch positiv aus.

„Eine Kneipp-Anwendung, etwa ein Knieguss, bedeutet also eigentlich Training für die Gefäße – das ist physikalisch gut nachvollziehbar", bestätigt auch Professor Andreas Michalsen von der Charité.1 Ganz ohne Medizinstudium hatte Kneipp dieses Wechselprinzip, das heute wissenschaftlich unumstritten ist und mit dem Fachbegriff „Hormesis“ bezeichnet wird, erkannt.

 

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Kneipps Erben

Heute ist es – neben zahlreichen naturheilkundlich orientierten Medizinern – vor allem der Kneippärztebund e. V., der das medizinische Erbe Pfarrer Kneipps hochhält und weiterentwickelt.2 Der Bund wurde noch zu Lebzeiten Kneipps, im Jahre 1894 gegründet, und bezeichnet sich selbst heute als „die traditionsreichste Ärztegesellschaft in Europa, die sich mit Forschung und Lehre der klassischen Naturheilverfahren befasst.“ Den Ärzten zufolge bietet die Kneipp-Medizin bei unterschiedlichsten akuten Erkrankungen, aber vor allem auch bei der Prävention und bei der Behandlung chronisch kranker Patienten hervorragende Möglichkeiten der Linderung und Stärkung.

Hier lasse sich, so der Bund auf seiner Webseite, „(...) mit einem komplexen therapeutischen, ganzheitlich ausgerichteten Therapiekonzept (...) oftmals die „Alltagskompetenz“ wieder zurückerlangen.“ Dabei handele es sich um eine effektive, effiziente und sehr kostengünstige Art der Behandlung. Nicht zuletzt aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, aber auch im Sinne der Prävention vieler heute verbreiteten Krankheiten setzt sich der Kneippärztebund daher verstärkt für den Einsatz der ganzheitlichen Naturheilverfahren ein und bietet dazu viele Informationen sowie Aus- und Fortbildungen an.

 

Alles Kneipp – von der Kita bis zum Seniorenheim

Perfekt organisiert ist die Kneipp-Medizin in Deutschland unter dem Dach des Kneipp-Bundes3, der 1897, im Todesjahr Sebastian Kneipps, gegründet wurde. Nach Angaben des Bundes existieren derzeit landesweit rund 1.200 Kneipp-Vereine, die täglich rund 200.000 Menschen erreichen. Der Kneipp-Bund kümmert sich u. a. in der eigenen Akademie und einer staatlich anerkannten Schule in Bad Wörishofen um die Ausbildung von Nachwuchs-Kneippianern im Bereich der Gesundheits¬förderung und Gesundheitsbildung; auch Kneipp-Therapeuten und verwandte Heilberufe sind in diesem Bund organisiert.

Der Kneipp-Verlag bringt einschlägige Literatur zum Thema, eine auflagenstarke Mitgliederzeitung sowie Gesundheitsartikel heraus. Damit nicht genug, gibt es eigene Kneipp-Bund-Hotels. Dazu fördert der Verein seit über 25 Jahren Kinder- und Jugendarbeit, die sich an den ganzheitlichen Kneipp-Grundlagen orientiert. Unterschiedliche Einrichtungen, von Kitas und Schulen über Gasthäuser und Bauernhöfe bis hin zu Senioreneinrichtungen und Kurbetrieben, können sich, wenn sie die entsprechenden Richtlinien erfüllen, vom Kneipp-Bund mit einem Gütesiegel auszeichnen lassen und sich damit „Vom Kneipp-Bund e.V. anerkannte Einrichtung" nennen. 

Alles Kneipp also, auch im Jahre 200 nach des Pfarrers Geburt? Ja und Nein, meinen Experten – denn so aktuell und angezeigt dieses Gesundheitskonzept heutzutage auch ist, so wenig ernst wird es von vielen genommen, die im Kneippen lediglich ein bisschen Wassertreten sehen. Wie Thomas Hilzensauer, der Bundesgeschäftsführer des Kneipp-Bundes in einem Gespräch mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA4 beklagt, mangelt es an aussagekräftigen Studien zur Wirksamkeit der Kneipp-Medizin. Dafür fehle es schlichtweg an Geld, da es in diesem Bereich keine großen Sponsoren oder Förderungen gebe. Vor allem aber müsse und wolle der Kneipp-Bund dringend etwas gegen sein etwas angestaubtes Image unternehmen. Hilzensauer:

„Unsere Zukunftsaufgabe ist es, bekannt zu machen, dass dahinter mehr steckt als ein paar Spritzer kaltes Wasser – nämlich ein komplettes Gesundheitssystem für jeden, das weder viel Zeit noch Geld erfordert. Wir wollen mit dem Kneipp-Gedanken die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken.“

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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