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Die "Pille danach" im Vergleich

Kommentar schreiben Montag, 04. Juli 2022

Seit März 2015 sind Präparate mit zwei verschiedenen Wirkstoffen zur Notfallverhütung in deutschen Apotheken rezeptfrei erhältlich. Umgangssprachlich als „Pille danach“ oder „Postkoitalpille“ bezeichnet, handelt es sich hierbei um hormonell wirksame Arzneimittel, die nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne eine ungewollte Schwangerschaft verhindern können.

 

Fälschlicherweise wird die "Pille danach" manchmal mit der Abtreibungspille verwechselt. Diese wird jedoch eingesetzt, wenn bereits eine ungewollte Schwangerschaft besteht. Die „Pille danach“ wirkt verhütend, ruft jedoch keinen Schwangerschaftsabbruch hervor.

 

Einen hundertprozentigen Schutz kann sie allerdings nicht bieten. Ebensowenig besteht nach ihrer Einnahme ein Verhütungsschutz bis zur nächsten Regelblutung. Bis dahin sollte auf eine nicht-hormonelle Verhütungsmethode wie beispielsweise Kondome zurückgegriffen werden – auch wenn mit der Antibabypille verhütet wird.

 

 

 

Wirkmechanismus der „Pille danach“

Notfallkontrazeptiva greifen in das fein abgestimmte Zusammenspiel der körpereigenen Hormone ein. Im Durchschnitt erstreckt sich der weibliche Zyklus über 28 Tage, individuelle Schwankungen zwischen 21 und 35 Tagen sind normal. Gesteuert durch verschiedene Hormone, besteht jeder Zyklus aus zwei Hälften. Während im ersten Abschnitt das Ei heranreift (Follikelphase), beginnt die zweite Zyklushälfte mit dem Eisprung. Diese erstreckt sich recht konstant über knapp 14 Tage, wohingegen die Follikelphase in ihrer Länge sehr variieren kann. Der genaue Zeitpunkt des Eisprungs ist daher nicht genau berechenbar und kann von Frau zu Frau – aber auch von Zyklus zu Zyklus – variieren.

 

Der Eisprung wird durch eine hohe Konzentration des luteinisierenden Hormons (LH) in enger Abstimmung mit anderen Hormonen ausgelöst. Das reife Ei wandert vom Eierstock in den Eileiter und bleibt dort für 12 bis 24 Stunden befruchtungsfähig. Spermien können bis zu 5 Tage in der Gebärmutter und den Eileitern verweilen und fertilisationsfähig bleiben.

 

Um eine Schwangerschaft zu verhindern, muss der Kontakt zwischen einer befruchtungsfähigen Eizelle und Spermien unterbunden werden. Um dem Eisprung zuvorzukommen, macht man sich die beiden Wirkstoffe Levonorgestrel und Ulipristalacetat zunutze. Je früher ihre Einnahme nach ungeschützten Geschlechtsverkehr oder dem Versagen einer Verhütungsmethode erfolgt, desto sicherer können sie einen bevorstehenden Eisprung verhindern oder verzögern. Rückgängig gemacht werden kann er allerdings nicht.

 

Levonorgestrel

Bei Levonorgestrel handelt es sich um ein synthetisches Gelbkörperhormon (Gestagen), das dem körpereigenen Hormon Progesteron nachempfunden ist. Die empfängnisverhütende Wirkung beruht primär darauf, dass der zyklusabhängige LH-Anstieg und somit der Eisprung verschoben oder verhindert wird. Hat der Anstieg schon begonnen, kann Levonorgestrel die Ovulation nicht mehr unterdrücken.

 

Levonorgestrel-haltige Präparate sollten daher so schnell wie möglich und bis zu 72 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne eingenommen werden.

 

Ulipristalacetat

Ulipristalacetat gehört zur Wirkstoffgruppe der selektiven Progesteron-Rezeptormodulatoren. Es bindet an die Progesteron-Bindungsstellen (Rezeptoren) im menschlichen Körper und verhindert so das Andocken des körpereigenen Sexualhormons Progesteron. In Folge kann dieses nicht mehr wirken und der Eisprung wird gehemmt oder verzögert. Im Vergleich zu Levonorgestrel greift dieser Wirkmechanismus auch noch, wenn es bereits zu einem LH-Anstieg gekommen ist. In Folge wird das LH-Maximum verschoben und der Eisprung findet etwa 5 Tage später statt. Diese Zeitspanne reicht aus, um das Zusammentreffen von Eizelle und befruchtungsfähigen Spermien zu verhindern.

 

Ulipristalacetat-haltige Präparate sollten ebenfalls so früh wie möglich und bis zu 120 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne eingenommen werden.

 

Wenn möglich sollte vor der Einnahme beider Wirkstoffe eine Kleinigkeit gegessen werden.

 

Bei Anwendung auf leerem Magen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Tablette erbrochen wird. Erbrechen in den ersten drei Stunden nach der Anwendung macht eine erneute Einnahme nötig.

 

Die mehrfache Anwendung der „Pille danach“ innerhalb eines Monatszyklus wird nicht empfohlen. Betroffene sollten in diesem Fall Rücksprache mit ihrem behandelnden Gynäkologen halten.

 

„Pille danach“ bei vergessener Antibabypille

Spricht man heutzutage von "der Pille", ist in den meisten Fällen von der Mikropille die Rede. Hierbei handelt es sich um ein niedrig dosiertes Kombinationspräparat mit einem Östrogen und einem Gestagen. In der gängigsten Variante enthält jedes der 21 oder 22 Dragees eines Blisters die gleiche Menge der beiden Hormone. Nach einer sieben- beziehungsweise sechstägigen Einnahmepause, in der eine Hormonentzugsblutung einsetzt, wird dann mit einem neuen Streifen begonnen.

 

Das Risiko einer Schwangerschaft hängt bei diesen Präparaten vom Zeitpunkt der vergessenen Einnahme ab. Wurde eine „Pille“ in der ersten Woche nach der Pillenpause nicht eingenommen, besteht durch vorherigen Geschlechtsverkehr die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft. Um diese zu verhindern, wird die Einnahme der „Pille danach“ empfohlen.

 

Wurde eine „Pille“ in der zweiten Einnahmewoche vergessen ist das Risiko einer Schwangerschaft gering. Dennoch kann auf Kundenwunsch ein Notfallkontrazeptivum in der Apotheke abgegeben werden.

 

In beiden Fällen sollte am Tag nach der Einnahme des Notfallkontrazeptivums mit der regulären Verhütungspille fortgefahren werden. Für den Rest des Zyklus besteht allerdings kein Konzeptionsschutz, so dass zusätzlich verhütet werden muss. Wird die Antibabypille im sogenannten Langzyklus eingenommen – also über längere Zeit ohne Pause und Abbruchblutung – ist eine ergänzende Verhütung für die nächsten 14 Tage erforderlich.

 

Betrifft die unplanmäßige Einnahmepause die dritte Einnahmewoche wird empfohlen entweder die Pillenpause vorzuziehen oder die Antibabypille ohne Pause weiter einzunehmen.

 

Sogenannte Minipillen sind reine Gestagen-Pillen, die als Wirkstoff ein synthetisches Gelbkörperhormon enthalten. Für ihre kontrazeptive Wirksamkeit ist eine termingerechte Einnahme im Abstand von 24 Stunden entscheidend. Je nach Präparat geht der Verhütungsschutz schon bei einer Einnahmeverzögerung von 3 bis 12 Stunden verloren. Bei Sex nach vergessener Einnahme der Minipille und Ablauf von mehr als 3 Stunden ist die Einnahme der „Pille danach“ angeraten.

 

„Pille danach“ bei anderen hormonellen Verhütungsmethoden

Bei einem Vaginalring handelt es sich um einen hormonhaltigen Ring aus einem transparenten, biegsamen Kunststoff. Er enthält Östrogen und Gestagen und weist das gleiche Wirkprinzip wie die Mikropille auf. Der Ring wird in die Scheide eingeführt und dort 21 Tage belassen. Im Anschluss wird er entfernt und nach einer 7-tägigen Pause wird ein neuer Ring eingeführt.

 

Vaginalringe verhüten allerdings nicht mehr zuverlässig, wenn sie mehr als 3 Stunden außerhalb der Vagina waren, das anwendungsfreie Intervall um mehr als 7 Tage überschritten oder der Vaginalring mehr als 4 Wochen nicht gewechselt wurde. Besteht der Verdacht eines Wirkungsausfalls ist die Verwendung der „Pille danach“ empfehlenswert. Bis zur Blutung am Ende des Monatszyklus sind zusätzliche nicht-hormonelle Verhütungsmethoden (z.B. Kondome, Diaphragma) erforderlich.

 

Auch bei der fehlerhaften Anwendung von Verhütungspflastern  – die ebenfalls nach dem Wirkprinzip der Mikropille arbeiten – kann der Einsatz eines Notfallkontrazeptivums notwendig werden. Hat das Verhütungspflaster mehr als 24 Stunden nicht richtig geklebt, ist kein sicherer Verhütungsschutz mehr gewährleistet. Nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr ist die vorsorgliche Anwendung der „Pille danach“ zur Schwangerschaftsvermeidung zu empfehlen. Auch hier ist bis zur Menstruation am Ende des Monatszyklus eine nicht-hormonelle Verhütungsmethode notwendig.

 

Die „Pille danach“ in der Apotheke

In der Apotheke erhalten Betroffene die „Pille danach“ nach einem ausführlichen Beratungsgespräch. In der Regel wird hierbei auf einen Fragenkatalog zurückgegriffen, mit dessen Hilfe eine bereits bestehende Schwangerschaft ausgeschlossen und die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung ermittelt wird. Des Weiteren wird überprüft ob Gegenanzeigen oder mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln vorliegen.

 

Junge Frauen unter 14 Jahren benötigen für den Kauf die Zustimmung ihrer Eltern. Im Alter zwischen 14 und 18 Jahren liegt die Abgabeentscheidung bei der beratenden Apothekerin oder dem Apotheker.

 

Da Notfallkontrazeptiva nicht der Preisbindung unterliegen können ihre Verkaufspreise variieren. Präparate mit dem Wirkstoff Levonorgestrel sind in der Regel etwas günstiger als Arzneimittel mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat.

 

Auch nach der Entlassung der „Pille danach“ aus der Verschreibungspflicht werden die Kosten bei gesetzlich versicherten Frauen bis zum vollendeten 22. Lebensjahr von der Krankenkasse übernommen – vorausgesetzt das Notfall-Empfängnisverhütungsmittel wird ärztlich verschrieben. Ab dem 18. Geburtstag muss bei einer Verordnung auf Kassenrezept allerdings die gesetzliche Zuzahlung gezahlt werden.

 

Tabelle zur "Pille danach"

 

  Levonorgestrel Ulipristalacetat
Wirkstoffklasse: Gestagen selektiver Progesteron-Rezeptormodulator
Präparate (1):
  • PiDaNa
  • Postinor 1500 µg
  • LevonorAristo 1,5 mg
  • Levonorgestel Stada 1,5 mg
  • Unofem Hexal 1,5 mg
  • EllaOne
  • FEMKE 30 mg
  • Lencya 30 mg
  • Ulipristal Aristo 30 mg
  • Ulipristalacetat AL 30 mg
Kosten (1): ab ca. 13 Euro ab ca. 25 Euro
Wirkmechanismus: Progesteronähnliche Wirkung und dadurch Verschieben oder Hemmen des Eisprungs Blockade von Progesteronrezeptoren und dadurch Verschieben des Eisprungs
Wirkfenster:
  • wirksam 2-3 Tage vor dem Eisprung
  • Einnahme so schnell wie möglich
  • innerhalb von 72 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne 
  • wirksam bei Anwendung bis wenige Stunden vor dem Eisprung
  • Einnahme so schnell wie möglich
  • innerhalb von 120 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr oder einer Verhütungspanne
Dosierung: einmalig 1,5 mg einmalig 30 mg
Einnahmehinweis: Wenn möglich sollte vor der Einnahme eine Kleinigkeit gegessen werden. Bei Anwendung auf leerem Magen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Tablette erbrochen wird (2).
Häufigste Nebenwirkungen (3):
  • Bauchschmerzen
  • Menstruationsunregelmäßigkeiten (die folgende Menstruationsblutung kann um einige Tage verfrüht oder verspätet auftreten)
  • Spannungsgefühle in der Brust
  • Kopfschmerzen
  • Schwindelgefühl
  • Übelkeit
  • Erbrechen (2)
Anwendung in der Stillzeit (4):

Empfohlene Stillpause:

8 Stunden

Empfohlene Stillpause:

1 Woche

Wechselwirkungen (5): Die gleichzeitige Einnahme bestimmer Arzneistoffe kann die Wirksamkeit der Notfallkontrazeptiva beinträchtigen. Hierzu zählen unter anderem Antibiotika, Antiepileptika, virenhemmende Mittel (Virostatika) oder Johanniskraut.
Schwangerschaftsrate (6) bei einer Einnahme innerhalb von:   Levonorgestrel Ulipristalacetat
24 Stunden 2,5% 0,9%
72 Stunden 2,2% 1,4%
120 Stunden keine Indikation 1,3 - 1,6%

1: Stand Juni 2022

2: Erbrechen in den ersten drei Stunden nach der Anwendung macht eine erneute Einnahme nötig

3: In der Gebrauchsinformation des jeweiligen Präparates sind alle Nebenwirkungen und ihre Häufigkeit ausführlich aufgelistet

4: Beide Wirkstoffe treten in die Muttermilch über

5: Eine ausführliche Beratung hinsichtlich möglicher Wechselwirkungen erfolgt vor der Abgabe in der Apotheke bzw. durch den verordnenden Arzt

6: Anzahl der Schwangerschaften trotz „Pille danach“

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Quellen anzeigen

Linda Künzig
Autor: Linda Künzig

Linda Künzig, Apothekerin mit Weiterbildungen im Bereich Homöopathie und Naturheilverfahren. Neben ihrer Tätigkeit in einer öffentlichen Apotheke unterstützt sie seit Mai 2019 die Apomio-Redaktion als freie Autorin.

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