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Droge Zucker: Wie er unsere Darmflora schädigt und wie wir wieder unser Gleichgewicht finden

Kommentar schreiben Mittwoch, 11. März 2015

Jeder Deutsche isst jährlich etwa 35 Kilogramm Zucker – doppelt so viel, wie es in der Regel eine gesunde Ernährung vorsieht; ein Drittel davon stammt aus Süßigkeiten. Nur die Wenigsten verzichten auf ein leckeres Eis, einen Schokoriegel, ein Stückchen Kuchen oder gesüßte Getränke. Aber woher kommt das Verlangen? Macht Zucker abhängig? Und warum ist Vorsicht geboten? Alles im Überblick über die süße Lust oder das ungesunde Laster.

Die Süßwarenindustrie macht ein gutes Geschäft

Weiß, süß und bei den Menschen sehr beliebt: Zucker. Für die Süßwarenindustrie ist Zucker nicht mehr wegzudenken; in Deutschland kam diese im Jahr 2009 auf einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sei der Verbrauch von Zucker seit dem Jahr 1995 pro Kopf jedes Jahr um 400 Gramm gestiegen. Der Zuckerkonsum nimmt deutlich zu, da immer mehr Produkte gegessen werden, in welchen Zucker enthalten ist. Die Verbraucherschützer sehen eine Gefahr in dieser Entwicklung und warnen schon lange vor dem erhöhten Zuckerkonsum, der dafür verantwortlich ist, dass die Menschen in Europa immer dicker werden. Aber nicht nur Übergewicht ist eine unerwünschte Folge von zu hohem Zuckerverbrauch, sondern auch mit gesundheitlichen Folgeproblemen ist zu rechnen.

Gesundheitliche Probleme

Durch den erhöhten Zuckerkonsum entsteht ein unausgeglichenes Verhältnis des Blutzuckerspiegels, welches zu Funktionsstörungen der Bauchspeicheldrüse führen kann. Darüber hinaus schädigt Zucker die Darmflora. Die Folge: Das Immunsystem wird geschwächt und macht anfällig für Krankheiten aller Art. Der Grund warum gesunde Darmbakterien so sensibel auf raffinierte und auskristallisierte weiße und braune Zuckerarten reagieren, ist bislang ungeklärt, trotz allem ist dies eine erfahrungswissenschaftlich erwiesene Tatsache.

Ebenfalls begünstigt der Konsum von Zucker die Entstehung von Depressionen, Schlafstörungen, einem schlechten Hautbild (Akne) und schlechte Zähne. Hinzukommt, dass das Insulin nicht mehr einwandfrei verarbeitet, wodurch das Fett nicht verbrannt, sondern deponiert wird; es kommt zu Übergewicht. Schwerwiegende Krankheiten, die entstehen können, sind Herzkrankheiten, Krebs, Arthrose, Schlaganfall und Diabetes mellitus.

Schleichender Prozess bei Kindern

Ein Schokoriegel hier, ein Lutscher da – Kinder kommen mit Süßigkeiten schon früh in Kontakt: Ob als Belohnung oder als kleines Trostpflaster. Und nur die wenigsten Eltern machen sich über die gefährlichen Folgen des frühen Umgangs mit Zucker Gedanken.

Einst sprach man die Vermutung aus, die Entstehung von Diabetes mellitus Typ I im Kindesalter liege der genetischen Veranlagung zu Grunde. Heutzutage geht man allerdings davon aus, dass zudem auch der erhöhte Zuckerkonsum einer nicht diabeteskranken Mutter, besonders in der Schwangerschaft, eine entscheidende Rolle spielt. Auslöser für die Erkrankung ist ebenfalls die frühe Gabe von Zucker in Form von gesüßten Säften in der Nuckelflasche sowie das Anbieten von Süßigkeiten als Belohnung und Aufheiterung. Mittlerweile ist jedes 400. Kind bis zum 16. Lebensjahr von Diabetes mellitus Typ 1 betroffen und auf eine lebenslange Insulintherapie angewiesen. In den letzten Jahren ist demnach ein Anstieg um den Faktor 150 zu beobachten gewesen. Zu den Diabetes mellitus Typ 1 betroffenen Erkrankten kommen noch die Jugendlichen und Erwachsenen hinzu, welche im späterem Lebensabschnitt aufgrund des erhöhten Zuckerkonsums an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt sind.

Gibt es die sogenannte Zuckersucht?

Die süße Droge Zucker. Kann bei einem erhöhten Zuckerverbrauch tatsächlich die Rede von einer Zuckerabhängigkeit sein? Macht Zucker süchtig? Unter Verdacht stand, dass Zucker dafür verantwortlich ist, dass Kinder aufgedreht und unruhig sind, wenn sie Süßes bekommen haben. Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sollen besonders betroffen sein, so die Klagen vieler Eltern. Wissenschaftlich konnten allerdings keinerlei Beweise dargeboten werden, dass Zucker zu krankhaften Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Auch eine zuckerfreie Diät bei ADHS-Kindern konnte keinen nachweislichen Erfolg erbringen. Der Genuss von Süßigkeiten wirkt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen anregend, was als völlig normal anzusehen ist. Außerdem erhöht der schnelle Zuckerschub nach Süßigkeiten zunächst die Wachheit des Gehirns, was sich so manch Schreibtischarbeiter mit großer Wahrscheinlichkeit zu Nutze macht und Naschereien in einer Schublade besitzt.

Die Zuckersucht bei Ratten

Neuere Studien haben erwiesen, dass Zucker unter bestimmten Umständen durchaus Veränderungen im Gehirn auslösen und zu suchtartigen Verhaltensweisen führen können. Anhand von Tierversuchen an der Universität von Princeton, durchgeführt durch die Suchtforscher Bart Hoebel und Nicole Avena, konnten folgende Beobachtungen gemacht werden:

In langen Abständen wurden Ratten mit einer süßen Zuckerlösung gefüttert – zwölf Stunden lang gab es keine Nahrungsaufnahme bis danach wieder eine Zuckerlösung angeboten worden ist. Das machte die Ratten gierig, sie tranken immer größere Mengen und steigerten die Dosis. Nach vier Wochen wurde den Ratten wieder normales Futter ohne Zucker angeboten. Die Forscher nahmen an den Ratten typische Entzugserscheinungen wahr, die man sonst nur von Drogensüchtigen kennt: Zittern, Angst, Unruhe, Verhaltensstörungen und Antriebslosigkeit. Auch in ihren Gehirnen waren Veränderungen zu beobachten: Bereiche des Gehirns, in welchen körpereigene Beruhigungs-und Glücksstoffe (Endorphine und Opiate) ausgeschüttet werden, waren vergleichsweise wie bei einer Sucht nach harten Drogen verändert. Die hohen Zuckermengen veränderten den Stoffwechsel des Gehirns in dem sogenannten Stress-System und im Vorderhirn.

Für eine tatsächlich existierende Zuckersucht sprechen demnach die Reaktionen zweier Bereiche: der Bereich des Stress-Systems, in welchem körpereigene Beruhigungsstoffe ausgeschüttet werden und der Bereich des Belohnungssystems, in welchem der Botenstoff Dopamin von besonderer Bedeutung ist. Das charakteristische Zeichen für eine Sucht ist dort die ständige Überproduktion von Dopamin.

Tierstudien sind auf Menschen übertragbar

Immer wieder wird kontrovers darüber diskutiert, ob Zucker zu einem Suchtverhalten führen kann. Der Leiter der Abteilung der Psychopharmakologie, Rainer Spanagel, am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim ist der Meinung, dass die Ergebnisse aus Princeton als seriös und bedeutsam zu betrachten sind: „Im Suchtbereich sind Tierversuche sehr gut auf den Menschen übertragbar, deshalb glauben wir, dass diese Befunde aus Amerika in Bezug auf eine Zuckersucht auch für den Menschen gelten können.“

Trotz allem sollte dieser Tierversuch nicht pauschalisiert werden: Zucker löst nicht automatisch eine Sucht aus und auch nicht Jeder ist betroffen, der hin und wieder Süßigkeiten ist. Bei hohen Zuckermengen sind Übergewichtige und Essgestörte mehr gefährdet als Menschen, die nur sehr wenig Süßes konsumieren, weil sie es nicht mögen.

Ein Zuckerverbot ist übertrieben

Ein bewusster Umgang mit Zucker sollte gewährleistet sein, um massive, gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Dabei ist allerdings ein kompletter Zuckerverbot als übertrieben anzusehen: normales, gelegentliches Naschen ist völlig unbedenklich und auch der Verzehr von kleinen zuckerhaltigen Portionen löst nicht automatisch ein Suchtverhalten aus. Die Gefahr liegt in den großen Mengen, besonders bei Menschen mit einem gestörten Verhältnis zum Essen.

Dem Teufelskreis entkommen kann man mit der Veränderung einiger Essgewohnheiten:

  • Feste Mahlzeiten einhalten
  • Getränke grundsätzlich ohne Zucker trinken
  • Vollkornprodukte essen
  • als Nahrungsmittel für „zwischendurch“ eignen sich: Honig zu Obst, unbehandeltes (ungesüßtes) Studentenfutter

Zudem hat auch regelmäßiger Sport einen positiven Effekt: Adrenalin wird ausgeschüttet, welches eine positive Stimmung erzielt.

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J. Ehresmann
Autor: J. Ehresmann

Die ausgebildete Operations-Technische Assistentin hat nach ihrer dreijährigen Ausbildung eine Weiterbildung zur Chirurgisch-Technischen Assistentin in der Allgemein- und Visceralchirurgie in Köln absolviert. Inzwischen blickt sie auf eine mehrjährige Erfahrung in der OP-Assistenz in diesem Fachgebiet zurück. Neben ihrer Tätigkeit im OP studiert Frau Ehresmann Humanmedizin in einem Modellstudiengang in Aachen.

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