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Leben mit Wasserallergie: wenn jeder Tropfen die Haut schädigt

Kommentar schreiben Mittwoch, 11. Dezember 2019

Stellen Sie sich vor, ein Bekannter erzählt Ihnen, dass er allergisch auf Wasser reagiert. Wahrscheinlich werden Sie darüber erst einmal herzlich lachen und glauben, dieser Mensch wasche sich einfach nicht gerne oder sei passionierter Nichtschwimmer. Gegen Wasser wirklich allergisch sein? Wo, bitte, gibt´s denn so was – schließlich bestehen wir Menschen doch zu 50 bis 70 Prozent aus Wasser! Doch glauben Sie´s oder nicht: eine Wasserallergie gibt es tatsächlich – wenn auch nur sehr wenige Menschen von ihr betroffenen sind. Und einen Erkrankten auszulachen könnte unpassender nicht sein.

 

Wasserallergiker müssen mit einem harten Schicksal leben, vor allem wenn sie es mit einer schweren Verlaufsform zu tun haben. Wo andere begeistert ins kühle Nass springen, ohne Probleme mal in einen Regenguss geraten oder ganz einfach täglich duschen, müssen sie peinlich vermeiden, dass ihre Haut nass wird. Sie reagieren auf den Hautkontakt mit Wasser ähnlich wie andere Menschen nach dem Kontakt mit Brennnesseln. Bei jeglicher Berührung mit Leitungs-, Meer-, Regenwasser oder sogar dem eigenen Schweiß entstehen typische allergische Hautreaktionen. Weißliche Papeln und/oder gerötete Pusteln bilden sich, die Haut juckt und schmerzt. In schweren Fällen ist die gesamte Lebensqualität drastisch eingeschränkt – schlimmstenfalls kann der Kontakt mit Wasser sogar bis zum Tod durch einen allergischen Schock führen.

 

Wassernesselsucht: extrem selten, extrem belastend

 

Die Wasserallergie – bei der es sich tatsächlich nicht immer um eine echte Allergie handelt – ist eine Form der Nesselsucht (medizinisch Urtikaria). In der Medizin wird sie auch Wassernesselsucht, Wasser-Urtikaria oder aquagene Urtikaria genannt. Es handelt sich dabei um eine krankhafte Reaktion der Haut auf den Kontakt mit einem bestimmten Auslöser, die sich in Quaddeln, Rötungen, Juckreiz und Schmerzen bemerkbar macht. Die Wassernesselsucht wird den sogenannten „induzierbaren Urtikaria“ zugeordnet, also den Formen einer Nesselsucht, die einen eindeutigen Auslöser haben, etwa Pflanzen wie Brennesseln, Wärme, Kälte, (Sonnen-)Licht, Stress oder auch Druck auf die Haut. Sie wird nur durch Wasser ausgelöst, das von außen auf die Haut gerät. Gelangt Wasser ins Körperinnere, passiert nichts – zum Glück, denn schließlich ist es ja lebenswichtig, den Organismus mit ausreichend Wasser zu versorgen.

 

Erstmals beschrieben wurde diese außergewöhnliche Krankheit bereits im Jahr 1964 von den beiden US-Medizinern Walter Shelley und Howard Rawnsley1. Sie berichteten über Menschen, bei denen die klassischen Symptome einer Nesselsucht auftraten, nachdem sie ganz einfach mit Wasser in Kontakt gekommen waren. Die Krankheit ist extrem selten: Die meisten Quellen nennen maximal drei Dutzend Fälle weltweit. Eine Online-Enzyklopädie für Hauterkrankungen2 führt etwa 100 bisher dokumentierte Fälle auf und geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl höher liegen dürfte. Doch auch dann handelt es sich immer noch um eine sehr seltene Erkrankung, über die entsprechend wenig bekannt ist.

 

Betroffene sind im Alltag schwer eingeschränkt

 

Wie sehr die Betroffenen darunter leiden, zeigen die wenigen Fallberichte deutlich. So berichtet das Fachportal heilpraxis.net3 über drei Patientinnen aus dem Ausland, die durch die Wassernesselsucht nur extrem eingeschränkt leben können. Bei einem Mädchen führte selbst Schwitzen zu einem so stark juckenden Hautausschlag, dass sie keinen Sport mehr treiben und sich nur mit feuchten Tüchern reinigen konnte. Bei einem anderen Mädchen kam es zu dramatischen Symptomen, nachdem sie in einem Swimmingpool gebadet hatte. Irrtümlich wurde bei ihr – wie in vielen Fällen – zunächst eine Chlorallergie festgestellt, später dann fand man das Vorliegen einer Wassernesselsucht heraus. Eine weitere sehr junge Patientin, ein kleines Kind, wurde von verzweifelten Eltern zum Arzt gebracht, weil es jedes Mal vor Schmerzen schrie und sich seine Haut extrem rötete, wenn die Eltern es badeten.  

 

Im Detail treten bei einem Wasserallergiker wenige Minuten nach dem Kontakt mit Wasser meist weißliche, pickelähnliche Papeln oder rote, runde Quaddeln auf der Haut auf, die oftmals quälend jucken. Oft tut die Haut auch sehr weh, sie kann manchmal schmerzen, als habe man sich verbrannt. Es gibt Betroffene, die nur auf bestimmte Formen von Wasser derart reagieren. Wer es z.B. mit einer reinen Meerwasser-Allergie zu tun hat, ist recht glücklich dran, denn hier kann der Auslöser natürlich sehr leicht vermieden werden. Schlimm ergeht es denen, die bei jeglicher Art von Wasser schwere Symptome entwickeln.

 

Denn dass eine umfassende Wasserallergie die Patienten im Alltag stark belastet, liegt auf der Hand. Schwimmen, ein entspannendes heißes Bad nehmen, lachend durch den Sommerregen rennen, mit nackten Füßen durch eine taufeuchte Wiese laufen – all diese schönen Dinge kommen nicht in Frage. Beim Trinken müssen Wasserallergiker ganz genau darauf achten, dass kein Tropfen danebengeht und die Haut berührt. Dazu kommen extreme Einschränkungen bei der täglichen Hygiene, denn die für andere selbstverständliche Körperreinigung wie Hände- und Haarewaschen oder Duschen muss vermieden werden. Möglich ist lediglich der Einsatz von Feuchttüchern, Trockenshampoo u.Ä.

 

Nicht zu unterschätzen ist auch die psychische Belastung, die auftreten kann, etwa indem ein betroffenes Kind ständig gehänselt oder sogar gemobbt wird, oder wenn man mit den massiven Einschränkungen, die die Krankheit mit sich bringt, nicht zurechtkommt. In jedem Fall verlangt die Wassernesselsucht den Betroffenen ab, einen guten Lebensplan zur Vermeidung der Symptomauslöser zu entwickeln – und dazu auch die seelische Kraft zu finden, um den Alltag trotz allem meistern und sogar ein glückliches Leben führen zu können.

 

Die Ursachen: oft unklar

 

Was die Ursachen der Wassernesselsucht angeht, tappt die Medizin noch weitgehend im Dunklen. Breit angelegte Forschungen, die mehr Aufklärung bringen könnten, sind bei derart seltenen Erkrankungen schließlich kaum zu finden. Man weiß, dass es bei einigen Betroffenen nach dem Kontakt mit Wasser zu einer Überproduktion von Histamin kommt, also zu einer klassischen allergischen Reaktion des Immunsystems. In anderen untersuchten Fällen stellte sich aber heraus, dass die Reaktionen nicht auf einem Überschuss an Histamin beruhten und es sich somit, streng genommen, auch nicht um eine Wasser-Allergie handelte – anders als bei einer echten Allergie reagierte hier einzig die Haut auf den Auslöser.

 

Bei einer Untersuchung von Zwillingen entdeckte man eine genetische Anlage für die Wassernesselsucht – die Krankheit kann also auch ererbt bzw. angeboren sein. Doch gibt es zugleich auch viele Fälle, in denen eine Wassernesselsucht im Lauf des Lebens anscheinend erst erworben wurde; bei manchen bricht sie in der Kindheit aus, bei anderen erst im Erwachsenenalter. Auch der Verlauf und die Schwere der Symptome sind ganz unterschiedlich; ebenso kommt die Krankheit bei manchen irgendwann zum Stillstand, während andere ihr Leben lang darunter leiden.

 

Mitunter schwer zu diagnostizieren, aber gut zu behandeln

 

Eine Wassernesselsucht eindeutig zu erkennen ist nicht immer ganz einfach. Denn oft ist nicht das Wasser selbst der Auslöser für die Reaktion. Es kann auch sein, dass Wasser „nur“ dafür sorgt, dass bestimmte allergieauslösende Stoffe, die im trockenen Zustand nichts ausmachen, freigesetzt werden und durch die Haut gelangen. Zudem tummeln sich viele potenzielle Allergene in Wasser: Metalle, Chlor, Bakterien, Pilze, Keime und Mikroben unterschiedlichster Art, die sich in Leitungen, im Trinkwasser oder im Wasser des Schwimmbads finden und Allergien auslösen können. Wie alle Allergien kann auch die Wassernesselsucht am besten bei einem Allergologen diagnostiziert werden; der Facharzt führt nach eingehender Befragung und Untersuchung spezielle Tests durch. Bei Verdacht auf die Wasser-Urtikaria legt er üblicherweise wassergetränkte Kompressen auf die Haut. Wenn sich daraufhin die typischen Symptome zeigen, gilt die Diagnose als sicher.

 

Heilbar ist die aquagene Urtikaria nicht, das heißt, man muss unter Umständen das ganze Leben mit ihr zurechtkommen, sofern sich nicht eine spontane Heilung einstellt. Ein Trost für die Betroffenen ist sicherlich, dass sich die Wassernesselsucht recht gut behandeln lässt, sobald geklärt ist, ob es sich um eine echte Allergie oder um eine Hautreaktion handelt. Liegt eine Allergie zugrunde, d.h. löst eine vermehrte Ausschüttung von Histamin die Symptome aus, werden die üblichen Medikamente gegen Allergien eingesetzt, die sogenannten Antihistaminika (Mediziner nennen sie Histamin-Rezeptor-Antagonisten).

 

Sie blockieren die Histamin-Rezeptoren, also die Stellen, an die das Histamin bindet, mindern somit die überschießende Histamin-Ausschüttung und können dadurch in den meisten Fällen sehr gut helfen, die Symptome deutlich zu lindern. Bei unklarer Ursache kann nur symptomatisch behandelt werden, man gibt also spezielle Medikamente, die die Haut beruhigen und die Schmerzen reduzieren können.

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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