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Methadon gegen den Hirntumor? Ein Hoffnungsschimmer in der Krebsforschung

Kommentar schreiben Donnerstag, 12. Dezember 2019

Eine Mutter kämpft. Dass sie sich nicht scheut, auch um kleinste Erfolge zu ringen, beweist Claudia Schneider* (36) täglich, seit über 10 Jahren. Ihr Sohn Tim* leidet an einem Hirntumor. Heute ist Tim 13. Als ihr erstgeborenes Kind in den ersten Lebensmonaten beim Stillen immer wieder einen starren Blick zeigt und unversehens in einen tiefen Schlaf fällt, wenden sich die Eltern an den Hausarzt, der die Aussetzer für normal hält.

 

Erst als die Aussetzer zunehmen und epileptische Krämpfe auftreten, werden die Mediziner fündig. Tim leidet an einem pilozystischen Astrozytom 1, einem bösartigen, langsam wachsenden Hirntumor. Diese Tumorform kommt bei Kindern und jungen Erwachsenen als zweithäufigster bösartiger Krebsart vor. Die Betroffenen haben gute Heilungsprognosen - wenn der Tumor im Bereich des Kleinhirns angesiedelt ist und bei einer Operation vollständig entfernt werden konnte. Heute lebt Tim als wohlbehüteter Jugendlicher im Kreise seiner Eltern und drei jüngeren Geschwister in Berlin. Einige Jahre nach der Sektion des Tumors hatte er Ruhe, dann vergrößerte sich der Tumor wieder. Die vielen Chemotherapien setzen ihm zu. 2

 

„Man kann sagen, dass er den Kampf gewöhnt ist“

 

Mehrere Operationen entfernten so viel Tumormasse wie möglich, doch der Tumor wächst potenziell unkontrolliert in umliegendes Hirngewebe. „Man kann sagen, dass er den Kampf gegen den Hirntumor gewöhnt ist“, verdeutlicht die Mutter im Gespräch mit apomio tapfer, wie es ihrem Sohn im Augenblick gehe. Seit über einem Jahr hat sich Tims Zustand verschlechtert. Von ihrer Mutter erfährt Claudia schließlich, dass Methadon bei manchen Patienten zu massivem Tumorrückgang geführt habe. „Deshalb erprobten wir eine Wirkverstärkung von seiner Chemotherapie mit Hilfe von D,L-Methadon. Der Tumor wurde tatsächlich kleiner - das erkannte sogar sein 10-jähriger Bruder beim Vergleich der beiden MRT-Bilder!“, erzählt die junge Mutter begeistert von der Wirkung eines Mittels, das unter Ärzten gemeinhin ambivalent betrachtet wird. Die gelernte und erfahrene Pharmazeutisch-technische Assistentin stellt gemeinsam mit den Krebsspezialisten auch bei ihrem Sohn einen Zellrückgang des Hirntumors fest. Bis zu 35 Tropfen Methadon nahm Tim pro Tag zusätzlich zur Chemo ein.

 

Ärzte bleiben unsicher

 

Leider weht Claudia Schneider bis heute von Seiten behandelnder Ärzte massiver Gegenwind entgegen. Einmal drohte ihr ein Arzt sogar indirekt mit einer Anzeige wegen Körperverletzung, weil sie dem Sohn Methadon verabreiche. Dabei müssten gerade bei einem Hirntumor der WHO-Stufe IV auch alternative Therapieformen erwogen werden können, findet sie. „Wer die Diagnose Krebs bekommt, sieht sich doch mit mindestens einem Bein im Grab“, verdeutlicht Claudia Schneider ihren Standpunkt.

 

Außerdem müsse ihr zufolge ein schier unbezwingbarer Aktionismus betrieben werden, um Methadon verschrieben zu bekommen. Zudem würden Nebenwirkungen grundsätzlich dem Methadon und nicht der Chemotherapie zugeordnet. Dabei sind die Nebenwirkungen des Wirkstoffes, der vor über 70 Jahren entdeckt wurde, hinlänglich bekannt. „Nur sehr wenige Ärzte kennen sich hierzulande mit Methadon aus, und noch weniger mit der Wirkverstärkung durch Methadon und der Auswertung entsprechender MRT-Bilder“, bedauert die erfahrene PTA.

 

Methadon als möglicher „Wirkverstärker“ in der Krebstherapie

 

Was Methadon so interessant in der Krebsmedizin macht, beruht auf seinem tumorspezifischen Mechanismus. Im Jahr 2008 entdeckte die Chemikerin Dr. rer. nat. Dipl.-Chem. Claudia Friesen, Leiterin des Molekularbiologischen Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm, dass Methadon in Kombination mit Chemo-Arzneimitteln den Untergang von Blutkrebszellen verstärkt.3 Im Interview mit dem WDR berichtete sie hierüber Ende 2018: „Methadon kann Krebstherapien verstärken. Im Labor haben wir gesehen, dass Zellen, die nicht mehr angesprochen haben auf ein Chemotherapeutikum, wieder ansprechbar gemacht werden konnten, indem man Methadon hinzugab“, so die Krebsforscherin. Als Wirkmechanismus von Methadon in der Krebstherapie beschrieb sie die Blockade des Tumor-Pumpsystems von Chemotherapeutika: „Eine Tumorzelle hat sogenannte Pumpen. Wenn ein Chemotherapeutikum in die Tumorzelle eindringt, dann pumpt diese es wieder heraus. Methadon blockiert diesen Pumpmechanismus und das Zytostatikum bleibt länger in der Zelle und hat somit länger Zeit diese zu zerstören. Damit würde Methadon als Wirkverstärker für Chemotherapeutika fungieren, um unempfindlich gewordenen Krebszellen erneut für weitere Therapien ansprechen zu können.

 

Was ist Methadon?

 

Methadon, vollsynthetisch aus Opium hergestellt, unterscheidet sich chemisch-strukturell deutlich von Opiaten wie Morphin und Heroin. Das Opioid wirkt als direkter Agonist am μ-Opioid- und möglicherweise am δ-Opioid-Rezeptor.4 Als starkes Schmerzmittel und Heroin-Ersatzmittel ist Methadon in der Schmerz- und Palliativmedizin längst unentbehrlich, bei Krebs allerdings erst unzureichend erforscht. Auch Claudia Schneider ist überzeugt, dass ihr Sohn durch eine Kombination von Methadon und mit der Chemotherapie einige Jahre länger und angenehmer leben könnte. In Deutschland dürfen Opioide zur adjuvanten Krebstherapie jedoch noch immer nicht legal eingesetzt werden, es sei denn der Arzt verordnet es im Off-Label-Use.

 

Methadon zur Verstärkung der Chemotherapie: Ein Wettlauf gegen die Zeit

 

Dabei drängt für viele Patienten die Zeit. „Seit einem Jahr bekommt mein Sohn nun wieder Chemotherapie. Er ist am Ende seiner Kräfte“, schrieb die 36-jährige Mutter von vier Kindern, als sie mich das erste Mal auf das Thema aufmerksam macht. „Doch mit Methadon müsste das nicht so sein. In ausweglosen Fällen zeigte sich bei Patienten bereits eine lebensverlängernde Wirkung. Der Tumor stagnierte oder bildete sich sogar gänzlich zurück“, verdeutlicht sie die Therapieeffekte von Methadon, die nicht immer, aber in manchen Fällen an medizinische Wunder grenzen. Auf die Frage, wie hoch die Wirksamkeit von Methadon in der Krebstherapie sei, gab die Krebsforscherin Dr. Friesen dem Rundfunk gegenüber zur Antwort: „Sehr hoch“. Die Diskussion um Methadon ist unter Forschern und Ärzten ebenso kontrovers wie bekannt. Methadon steht im Ruf, bei Hirntumoren und Blutzelltumoren gut wirksam zu sein. Doch getrauen sich nur wenige Ärzte, Methadon zur Krebstherapie zu verschreiben. Zwar dürfte dies im Prinzip jeder Arzt legal, mittels eines BTM-Rezepts, doch getrauen sich viele Ärzte dies noch nicht.

 

Nebenwirkungen von Methadon

 

Zugegeben, die Nebenwirkungen von Methadon lesen sich unschön, jedoch keineswegs bedrohlich. Zu den Nebenwirkungen von Methadon zählen Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen, niedriger Blutdruck, Schwitzen, Verkleinerung der Pupillen und Juckreiz. Diese Nebenwirkungen sind lästig, aber nicht bedrohlich und verschwinden meist innerhalb der ersten Behandlungswochen. Aufgrund eines Behandlungsfehlers kann es jedoch im Zuge der Methadon-Therapie zu einer tödlichen Atemlähmung kommen. Methadon muss aus diesem Grund möglichst langsam eindosiert werden, dies beugt ebenso der Übelkeit und dem  verbundenen Erbrechen vor. Durch EKG-Kontrollen kann das Risiko einer Veränderung der QT-Zeit im Herzrhythmus rechtzeitig erkannt werden. Diese treten bei einer deutlich höheren Dosis als die bei der Krebstherapie empfohlenen 2*35 Tropfen (2*17,5mg) auf. Abrupt absetzten sollte man Methadon nie, da es in solchen Fällen zu starken Entzugserscheinungen kommen kann. Methadon muss langsam ausgeschlichen werden.5, 6

 

Die Argumente der Methadon-Skeptiker

 

Skeptiker bezweifeln zu Unrecht, dass Hirntumorzellen die notwendigen μ-Opioid-Rezeptoren besitzen, die zum Andocken des Methadons benötigt werden. Denn seit Längerem wird in der Krebsforschung über eine antitumorale Wirkung von Methadon spekuliert, da längst bekannt ist, dass Krebszellen Bindungsstellen für Opioide tragen.7 Eine Studie der Universität Leipzig um die Forscher Oppermann und Gaunitz sorgte allerdings im April 2019 für Irritationen unter Methadon-Befürwortern. 8 Oppermann et al. untersuchten anhand von Zellkulturen aus undifferenzierten Fibroblasten den Effekt von Methadon und stellten ihn malignen Glioblastomzellen gegenüber. Die Auswertung der Leipziger Forscher: „Unsere Resultate zeigen, dass die Standardbehandlung wirksam ist, aber durch Methadon kein Zugewinn erzielt wird.

 

Es dürfte auch nichts nützen, wenn ein Patient nur Methadon nimmt. selbst bemängeln in ihrer Studie, dass Fibroblasten noch proliferieren können und daher nicht die Auswirkungen von Methadon auf nicht proliferierende Neurone oder Gilazellen widerspiegeln“, sagen die Methadon-Forscher Dr. Friesen und Dr. Hilscher.9 Die Ergebnisse der Oppermann et al. Studie hätten außerdem nachgewiesen, dass egal unter welcher Therapieform, Bestrahlung, Temozolomid oder der Kombination, keine wesentlichen Therapieeffekte bei den verwendeten Glioblastomzellen ohne MGMT-Promotor-Methylierung aufschienen und erst beim Erreichen der Dosierung von 1 µM Methadon ein Zelltod auftrat.

 

Dies besage jedoch den Krebsforschern zufolge im Umkehrschluss, dass erst unter Methadon eine nennenswerte Zerstörung der Glioblastomzellen aufgetreten sei. Auch die Argumente der Gegner, dass Methadon organotoxisch und atemlähmend sei und bei vorhandener Leberschädigung zu Vergiftungen führe, hoben Friesen und Hilscher aus den Angeln: Die Gewöhnung an die Substanz senke auch die CO2-Toleranz, Leberschädigungen führen nicht automatisch zu erhöhten Vergiftungserscheinungen und Methadon sei nicht aufgrund seiner Organtoxizität, sondern aufgrund des möglichen Atemstillstands bei mangelnder Gewöhnung gefährlich.9

 

Derzeit klinische Therapiestudie zu Methadon

 

Bislang müssen Ärzte Methadon zur Chemo-Verstärkung noch im Off-Label-Use per Kassenrezept verordnen. Gerade einmal 23 Euro kostet ein Fläschchen D, L-Methadon. Viel zu billig für die Pharmaindustrie, vermutet Johannes Rauneker, Reporter bei der süddeutschen Regionalzeitung „Schwäbische“ vor wenigen Tagen.10 Doch nun wird der kontroversen Debatte endlich auf den Grund gegangen. Die Deutsche Krebshilfe hat sich zu einer klinischen Therapiestudie an der Universität Ulm entschlossen, die mit 1,6 Millionen Euro gefördert wird. Der Studienleiter Professor Dr. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik Innere Medizin I an der Ulmer Universität und Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft plant der Schwäbischen zufolge für Frühjahr 2020 eine Studie an rund 30 Patienten, die an fortgeschrittenem Dickdarmkrebs leiden. Das Ergebnis wird für Anfang 2022 erwartet, die Resultate sind nur für diese Tumorart und verabreichte Dosierungen auswertbar.11

 

Auch Claudia Schneider bleibt zuversichtlich, selbst wenn die Studien nur schleppend vorangehen und mancher Arzt sich aufgrund der schlechten Presse einer Methadon-Verordnung verweigert: „Ich weiß, dass Methadon kein Wundermittel ist und Krebs nicht einfach wegzaubert. Es gibt aber erstaunliche Fälle, wo es gewirkt hat beziehungsweise immer noch wirkt.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

Maria Köpf
Autor: Maria Köpf

Frau Maria Köpf ist seit 2018 als freie Autorin für apomio tätig. Sie ist ausgebildete Pharmazeutisch-technische Assistentin und absolvierte ein Germanistik- und Judaistik-Studium an der FU Berlin. Inzwischen arbeitet Maria Köpf seit mehreren Jahren als freie Journalistin in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Naturheilkunde und Ernährung. Mehr von ihr zu lesen: www.mariakoepf.com.

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