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Platz schaffen für gesunde Zähne: die Gaumennahterweiterung macht es möglich

Kommentar schreiben Freitag, 16. Oktober 2020

Schöne, gerade stehende Zähne sind meist auch gesunde Zähne – wer sie hat, kann sich glücklich schätzen. Menschen, die beim Lächeln und Lachen ein ebenmäßiges, strahlendes Gebiss zeigen, wirken automatisch attraktiv. Kranke Zähne dagegen sehen nicht nur hässlich aus, sondern können auch die Ursache für vielfältige Erkrankungen im ganzen Körper sein. Kein Wunder also, dass viele Eltern auf eine gesunde Zahnentwicklung ihrer Kinder besonders achten und Fehlentwicklungen bereits in frühem Alter vom Kieferorthopäden beheben lassen. Und auch im Erwachsenenalter ist es für Korrekturen nicht zu spät. Eine kieferorthopädische Behandlung ist insbesondere dann nötig, wenn Kiefer und Zähne größere Anomalien, sogenannte Dysgnathien, aufweisen. Massive Fehlstellungen der Kiefer und Zähne sind ein gesundheitliches und ästhetisches Problem – sie können teils gravierende Folgen haben, sehr unschöne schiefe Zähne und manchmal auch eine unvorteilhafte Gesichtsform mit sich bringen. Häufig ist die Ursache für eine Fehlstellung ein zu enger Oberkiefer. Bei dieser Form der Dysgnathie kann eine sogenannte Gaumennahterweiterung (GNE) Abhilfe schaffen.

Inhaltsverzeichnis

Was bedeutet Dysgnathie?

Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und enthält die Bestandteile „dys“ (= Fehl-...) und „gnathos“ (= Kiefer). Auf Deutsch kann man Dysgnathie auch als „Fehlbiss“ bezeichnen. Das Gegenteil, nämlich ein regelrecht ausgebildetes Gebiss, wird in der Fachsprache „Eugnathie“ (eu = gut) genannt.

Eine Dysgnathie ist also eine Fehlentwicklung der Kiefer, der Zähne oder anderer Teile des gesamten Kauapparates. Darunter fallen im Wesentlichen Normabweichungen bei der Kieferstellung und -form, bei der Lage der Kiefer zueinander sowie bei der Stellung der Zähne und der Okklusion (also der Art, wie die Zähne aufeinanderbeißen).

Es gibt angeborene und erworbene Dysgnathien; bei den angeborenen Formen liegen die Ursachen beispielsweise in Störungen bei der Entwicklung des Schädels des Embryos. Später im Leben kann eine Dysgnathie z.B. durch Verletzungen, Verlust von Zähnen ohne deren Ersatz, Tumore oder hormonelle Einflüsse entstehen. Bei Kindern können z.B. starkes Daumenlutschen, Vitaminmangel oder Ernährungsfehler zu einer erworbenen Dysgnathie führen.

Die Dysgnathie verursacht vielfältige Probleme

Die Folgen einer Dysgnathie können beträchtlich sein. Es kommt zu funktionellen, aber auch ästhetischen Beeinträchtigungen, da durch Fehlstellungen des Kiefers und der Zähne nicht nur Erkrankungen der Zähne und des gesamten Kauapparates entstehen können, sondern auch die Gesichtsform bzw. das Gesichtsprofil mitunter sehr ungünstig geprägt wird.

Beim Kieferschluss zeigen sich Anomalien wie z.B. der Kreuzbiss (die Höcker der Kieferseitenzähne treffen nicht normgerecht aufeinander), der Überbiss (vorstehender Oberkiefer) oder der offene BissFrau mit einem Hut und rotem Lippenstift hat ein breites Grinsen im Gesicht. Im Hintergrund sind grüne Blätter zu sehen. (die vorderen Zähne treffen beim Kieferschluss nicht aufeinander). Dadurch, dass die Zähne zu eng zusammenstehen, wird es schwierig, die Zahnzwischenräume zu reinigen. Somit entsteht leicht Karies und die Zahnsubstanz wird geschädigt. Es treten vielfach Schmerzen im Kiefergelenk oder Kopf-, Nacken und Schulterschmerzen auf, außerdem gibt es Probleme beim Kauen, die auch die Verdauung in Mitleidenschaft ziehen und Magen-Darm-Störungen verursachen können.

Zudem werden Erkrankungen des Zahnhalteapparates (z.B. Parodontitis) bis hin zu frühzeitigem Zahnverlust begünstigt. Dysgnathie hat häufig eine verstärkte Mundatmung und eine Verengung der oberen Atemwege zur Folge. Deswegen kommt es zu Atem- und Sprechstörungen, Schnarchen und obstruktiver Schlafapnoe sowie zu einer erhöhten Anfälligkeit für Atemwegsinfektionen.

Eine von mehreren Formen der Dysgnathie ist der sogenannte Oberkiefer-Engstand, also ein zu schmaler Oberkiefer, bei dem als Therapie eine Gaumennahterweiterung in Frage kommt. Erkennen kann man diese Art der Fehlstellung an eng gestaffelten, „verschachtelten“ oder vorstehenden Zähnen im vorderen Bereich des Oberkiefers und/oder nach außen stehenden Eckzähnen.

Ein zu schmaler Oberkiefer behindert vielfach die Nasenatmung, sodass die Betroffenen meist stark schnarchen und häufig unter Atemwegsinfektionen leiden.

GNE – die Gaumennahterweiterung: Was ist das?

Mit der Gaumennahterweiterung (GNE) wird der Oberkiefer gezielt verbreitert, sodass mehr Platz für eine regelrechte Anordnung der Zähne geschaffen wird. Ein großer Vorteil dabei ist, dass keine gesunden Zähne dafür gezogen werden müssen.

Bei dieser kieferorthopädischen Behandlung, auch „forcierte Gaumennahterweiterung“ genannt, wird die Knochennaht in der Gaumenmitte (= die Gaumennaht, medizinisch Sutura palatina mediana) auseinandergezogen, sodass der obere Zahnbogen deutlich verbreitert werden kann.

Die beiden Oberkieferhälften, die durch die Gaumennaht verbunden sind, werden getrennt und nach und nach zur Seite gezogen. Bei Kindern und Jugendlichen ist diese Behandlung in der Regel ganz ohne chirurgische Unterstützung möglich, denn die Gaumennaht ist bis ins junge Erwachsenenalter elastisch genug, dass der Oberkiefer allein durch die Dehnung auseinanderbewegt werden kann.

Erst ab der Pubertät bis ca. zum dritten Lebensjahrzehnt verknöchert die Gaumennaht; nach der Verknöcherung braucht es vor der Dehnungsphase einen kleinen chirurgischen Eingriff, um den Kiefer auf die Dehnung vorzubereiten.

 

Bis die Gaumennaht verknöchert, geht es ohne Operation

Die Gaumennahterweiterung verbreitert nicht nur den Oberkiefer und ermöglicht gerade stehende Zähne. Sie verbessert bzw. ermöglicht auch die normale Nasenatmung. Der Oberkiefer bildet nicht nur die obere Grenze (Dach) der Mundhöhle, sondern zugleich auch den Boden der Nasenhöhle.

Die GNE senkt das Gaumendach und verbreitert die Nasenhöhle, wodurch sich auch eine gekrümmte Nasenscheidewand begradigen kann. Damit wird schließlich die gesamte Atmung erleichtert, die Neigung zu Atemwegsinfektionen, Schnarchen und Schlafapnoen können nachlassen bzw. sogar ganz ausbleiben.

Wie läuft eine Gaumennahterweiterung ab?

Zunächst setzt der Kieferorthopäde eine Apparatur zur Dehnung der Oberkieferhälften in den Kiefer ein. Diese feste Spange besteht aus einer Metallschraube und Metallbändern. Die Bänder sind mit der Metallschraube verbunden und werden auf den Molaren und Prämolaren, also auf den Seitenzähnen des Oberkiefers befestigt.

Wenn beim Patienten die Gaumennaht bereits verknöchert ist, wird nun, bevor die eigentliche Dehnungsphase beginnt, ein minimalinvasiver, etwa 30-minütiger chirurgischer Eingriff durchgeführt. Dabei erfolgt ein kleiner Einschnitt in der Mundhöhle, um den Kieferknochen an seinen vorderen tragenden Pfeilern etwas zu schwächen.Eine Frau trägt einen bunten Blumenkranz auf dem Kopf, schaut zur Seite und grinst.

Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Dehnungsapparatur den Oberkiefer wirksam auseinanderziehen kann. Die bereits eingesetzte Apparatur sorgt nun auch dafür, dass der geschwächte Kiefer gehalten wird. Direkt nach der Operation entsteht bereits eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen des Oberkiefers, die sich im Lauf der anschließenden Dehnungsphase noch verbreitert.

Dass diese Lücke entsteht, ist eine natürliche Folge der Dehnung und ein Zeichen dafür, dass diese auch gut funktioniert. Nach der erfolgreichen Behandlung wird sich die Zahnlücke von selbst wieder schließen. Der Kieferorthopäde wird jeden Patienten umfassend aufklären, was er nach der Operation beachten muss und welche Folgen die OP haben kann. In aller Regel ist der Eingriff harmlos und wird gut und folgenlos überstanden.

Die Dehnungsphase, die vom Kieferorthopäden bei regelmäßigen Kontrollbesuchen engmaschig begleitet und überwacht wird, beginnt meist einige Tage nach der Operation. Nach entsprechender Anleitung durch den Arzt dreht der Patient mehrere Wochen bzw. Monate lang mit einem Schlüssel regelmäßig an der Dehnungsschraube der eingesetzten Apparatur, sodass der Kiefer behutsam immer weiter auseinandergezogen wird. Während dieser Phase wächst von selbst neues Knochenmaterial im Oberkiefer – so wird er, während er sich verbreitert, automatisch gestärkt.

Mögliche Nebenwirkungen der Behandlung

Das Drehen an der Schraube ist nicht gerade angenehm – es kann mehr oder weniger starke Schmerzen verursachen, da beim „Anziehen“ der Schraube jedes Mal Druck auf die oberen Seitenzähne ausgeübt wird. Die Zähne können sich während der Dehnungsphase auch etwas lockern, dadurch und ggf. auch durch die Schmerzen kann es empfehlenswert sein, überwiegend weiche Nahrungsmittel zu sich zu nehmen.

Gleichzeitig sollte während der Dehnungsphase auf besonders gründliche Zahn- und Mundhygiene geachtet werden, ggf. auch mit einer Munddusche, da sich in der Dehnungsapparatur leicht Essensreste festsetzen und Keime bilden können. Wie lange eine Gaumennahterweiterung dauert, wie lange die Dehnungsapparatur getragen werden muss, das kann nicht auf die Woche genau festgelegt werden und hängt jeweils vom Patienten und der Ausgangslage ab.

In jedem Fall bleibt die Apparatur einige Monate – im Schnitt bis zu neun Monate lang – im Mund, auch nachdem der Kiefer bereits erfolgreich auseinander gedehnt wurde. Dadurch wird sichergestellt, dass die beiden Kieferhälften wieder ordnungsgemäß zusammenwachsen können.

Was kostet eine Gaumennahterweiterung?

Die genauen Kosten für eine Gaumennahterweiterung lassen sich nicht eindeutig beziffern, da sie je nach Fall erheblich variieren können. Der Kieferorthopäde wird in jedem Fall einen Kostenvoranschlag erstellen.

Bei Kindern und Jugendlichen stehen die Chancen, dass die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Behandlung übernimmt, recht gut. Das gilt besonders bei ausgeprägten Fehlstellungen und Anomalien, die aus medizinischen Gründen als notwendig erachtet werden. Kieferorthopädische Behandlungen bei Patienten, die älter als 18 Jahre sind, werden meist nicht von den gesetzlichen Kassen bezahlt.

Viele Zahnärzte bieten Patienten, die die Behandlung aus eigener Tasche zahlen müssen, eine Ratenzahlung an. Wer privat versichert ist und/oder eine private Zusatzversicherung hat, sollte sich im Vorfeld genau informieren, ob die Kostenerstattung für eine Gaumennahterweiterung im gewählten Tarif enthalten ist.
Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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