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Schönheitswahn: Wenn der Körper zur Optimierungs-Baustelle wird

Kommentar schreiben Montag, 17. Dezember 2018

Pralle, feste Brüste, Wespentaille, knackiger Po, eine glänzende Haarpracht und natürlich völlig faltenfreie, seidenglatte Haut – so gut wie immer und überall sind wir halbnackten,  perfekten Körpern umgeben. Meist gehören sie weiblichen Models oder Hollywood-Stars, oft fällt der Blick aber auch auf männlich-markante, durchtrainierte Bodys mit breiten Schultern, definiertem Bizeps und sexy Sixpack-Bauch. Von Plakaten, bunten Magazinseiten und aus dem Fernsehen scheinen sie uns zuzurufen: Schaut her, wir sind perfekt! So solltet ihr auch aussehen! Und allzu viele hören auf diese Rufe, betrachten sich mit überkritischem, vergleichendem Blick, stellen fest: Ich bin hässlich, viel zu dick!, und beginnen dann, mehr oder weniger hart „an sich zu arbeiten“. Sie unterwerfen sich mindestens den strengen Regeln einer Diät oder legen sich sogar unters Messer, um sich ihre „Makel“ wegoperieren zu lassen. Willkommen in der Welt des Schönheitswahns!

 

Es scheint, als habe es gar nichts mehr mit „Schicksal“ zu tun, wie jemand aussieht. Schließlich gibt es die Selbstoptimierung. Höcker auf der Nase, Speck auf der Hüfte, Falten auf der Stirn? Weg damit! Das „Ich will so bleiben wie ich bin“, das uns noch in den 1990er-Jahren ein (superschlankes) Model aus der Werbung entgegenträllerte (um anschließend mit fettarmer Margarine dafür zu sorgen, dass der perfekte Body auch perfekt bleibe), hat sich heute in ein „Ich will so werden wie Heidi Klum und Co.“ gewandelt.

 

Kein Wunder also, dass das Geschäft mit der Schönheit boomt. In Deutschland setzt die Kosmetikindustrie allein knapp 2 Milliarden Euro jährlich um, rund 800 Millionen Euro pro Jahr lassen sich die Deutschen diverse Schönheitsoperationen kosten. Ähnlich beeindruckende Zahlen kann die Fitness- und Diätbranche aufweisen. Das Paradox dabei: Noch nie gab es in der Bundesrepublik so viele fettleibige Menschen wie heute. Die – ebenso wie diejenigen, die sich nur für zu dick halten und eigentlich ganz normale Durchschnittsfiguren haben – mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihre Körper in Richtung Perfektion zu hungern und zu trainieren.

 

Die verzerrten Gesichter des Schönheitswahns

 

Vor einigen Jahrzehnten hatten vor allem wir Frauen es noch leichter. In den 1940er- und 1950er-Jahren entsprach eine Frau mit Kleidergröße 40/42 figürlich voll und ganz dem Schönheitsideal. Heute ist eine 1,70 m große Frau ab 72 Kilo – nach den offiziellen Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – bereits übergewichtig. 90 – 60 – 90 (Umfang von Brust, Taille, Bauch, jeweils in cm) waren in den 1990er-Jahren, im Jahrzehnt von Supermodels wie Claudia Schiffer und Naomi Campbell, die erstrebenswerten, aber ganz und gar unrealistischen Traummaße einer Frau. Egal, wie frau sich anstrengt: Bei einer Durchschnittsgröße von 1,63 m, einem Durchschnittsgewicht von knapp 70 kg, einem Durchschnitts-Taillen- und Hüftumfang von 83 bzw. 103,6 cm wird daraus wohl nichts werden. In „Size zero“ oder Kleidergröße 34, die „Idole“ wie etwa Victoria Beckham tragen, wird die Durchschnittsfrau mit Größe 40 nie im Leben passen. Und, mal ganz ketzerisch gefragt: Warum sollte sie eigentlich auch? Weil, antworten leider allzu viele, nur ein perfekter Körper zu Erfolg, Zufriedenheit und Glück führt. Dass das ein Trugschluss ist, könnte eigentlich jedem klar sein. Doch die breite Masse der Bevölkerung scheint in dieser Hinsicht einem kollektiven Realitätsverlust erlegen zu sein. Unter dem Stichwort „Bodystyling“ darf und sollte heute jeder an seinem Körper arbeiten, um ihn so perfekt wie möglich zu machen. Und je attraktiver, schlanker und durchtrainierter man ist, desto mehr Anerkennung erfährt man.

 

„Dünnes Langbein“ statt Pippi Langstrumpf

 

Abzunehmen, zu trainieren und die eigene Wirkung streng zu überprüfen, ist heute schon für Kinder etwas völlig Normales. Eine Umfrage der Jugendzeitschrift „Bravo“, immer noch ein aussagestarkes Organ, wenn es um den Zustand der heutigen Jugend geht, hat ergeben, dass fast jedes zweite 14-jährige Mädchen schon mindestens eine Diät gemacht hat. Das liegt mit Sicherheit auch an dem, was eine große Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen aus dem Jahr 2016 enthüllt: Rund die Hälfte aller deutschen Mädchen zwischen 12 und 21 Jahren schaut regelmäßig Fernsehsendungen wie „Germany’s next Topmodel“. Der Berufswunsch der meisten jungen Zuschauerinnen: Model. Die Folge: Die Mädchen essen deutlich weniger, viele haben mit Essstörungen zu kämpfen. Was die Sender und Produzenten von Shows wie „GNTM“ beharrlich abstreiten, gilt inzwischen unter Experten als erwiesen: Solche Sendungen machen Kinder krank.

 

Statt mit kindlicher Unbefangenheit durchs Leben zu gehen und sich um Mode und Aussehen ganz einfach nicht zu kümmern, wünschen sich schon Zehn- und Elfjährige einen Modelkörper – und tun das, was die unerbittliche Heidi Klum von den Mädchen in ihrer Sendung gebetsmühlenartig fordert: „an sich arbeiten“. Was mitnichten bedeutet, innere Werte, weibliches Selbstbewusstsein und Individualität zu entwickeln, sondern körperlich perfekt zu werden. Und damit genau dem Bild zu entsprechen, das die Öffentlichkeit vor allem von Frauen fordert: gertenschlank und schön zu sein.

 

Überhaupt haben der Schönheitswahn und die zugehörige Industrie inzwischen Kinder als lukrative Kunden entdeckt. In den deutschen Großstädten eröffnen immer mehr Kinderkosmetik-Salons und Kinder-Wellness-Oasen, Massagen, Maniküre mit Glitzerlack und Sauna (in der die Mädchen sich in aller Ruhe gegenseitig kritisch mustern und hinsichtlich ihrer Figuren vergleichen können) inklusive. Die Firma Lego brachte vor einigen Jahren eine Spielzeugserie speziell für Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren heraus, selbstverständlich ganz in Pink, Lila und Glitzer: „Lego friends“. Fünf model-perfekte Freundinnen sind darin ausschließlich mit ihrem Aussehen beschäftigt. Eine weitere Firma aus der Spielzeugindustrie produzierte für dieselbe Altersgruppe eine Schminkserie und ein Malbuch, jeweils unter dem Titel „TopModel“. Die gezeichneten Figuren sehen – na, was wohl – aus wie Models; ihre einzigen Lebensinhalte sind Stylings, Fotoshootings und Flirts mit dem Fotografen. Was würde wohl Pippi Langstrumpf dazu sagen?

 

Lieber sterben als hässlich bleiben

 

Was inzwischen schon auf Kinder übergegriffen hat, ist bei den Erwachsenen längst Realität. 

In einer repräsentativen Umfrage einer großen Frauenzeitschrift gaben fast drei Viertel der befragten 1000 Frauen an, dass sie lieber weniger intelligent wären, wenn sie dafür makelloser aussehen könnten. Sprich: lieber doof als hässlich.  

 

In einer weiteren Umfrage im Auftrag eines Hochglanzmagazins stellte sich heraus, dass sich offenbar jede zweite Frau – und jeder dritte Mann – in Deutschland vorstellen kann, sich unters Messer zu legen, um einen körperlichen „Makel“ richten zu lassen. Noch vor einigen Jahren stand eine unter 30-jährige Frau in der Blüte ihrer Jahre, und ästhetische Korrekturen ließen allenfalls weit ältere Frauen durchführen. Heute sind rund 30 Prozent aller Schönheitsoperierten in Deutschland unter 30. Töchter lassen sich Brustkorrekturen und Ähnliches zum Geburtstag oder zum Abitur schenken. Dass jede Operation – vor allem unter Vollnarkose – ein Risiko für Leib und Leben birgt, verdrängen die meisten anscheinend. „Ich wäre lieber gestorben, als hässlich weiterzuleben“, sagte etwa eine 42-jährige in der RTL2-Sendung „Extrem schön“, die sich vor laufenden Kameras innerhalb von fünf Monaten dreimal operieren ließ. Ob sie danach in ein rundum glückliches Leben durchstartete, ließ die Sendung unbeantwortet.

 

2016 wurden nach Angaben von zwei Fachgesellschaften für ästhetische Chirurgie in Deutschland, der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) und der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC), rund 43. 000 ästhetisch-plastische Eingriffe der in den Verbänden organisierten Ärzte gezählt – Tendenz steigend, auch beim neuesten Trend: Schamlippenoperationen. Über 1000 Frauen pro Jahr lassen sich die inneren Schamlippen beschneiden, die äußeren Schamlippen aufspritzen oder ihre Vagina verengen. Sie wollen dem jetzt gängigen Ideal entsprechen, wonach die äußeren Schamlippen die inneren umschließen „müssen“.

 

Wer so weit nicht gehen will, entfernt sich zumindest immer mehr Körperhaar, wobei schon  43 Prozent aller Frauen und rund 25 Prozent aller Männer inzwischen auch die Genitalien enthaaren. Wie der Trend zur Schamlippen-OP ist wohl auch das eine Folge der inzwischen so leicht zugänglichen Pornos und ihrer speziellen Ästhetik.

 

Für wen tut man sich das eigentlich an?

 

Schön, schlank, fit – wer diese Merkmale aufweist, hat es im Leben leichter, sowohl im Beruf als auch bei der Partnerwahl. Die Attraktivitätsforschung bestätigt das. Doch während viele Frauen als Motivation für ihre körperliche Selbstoptimierung angeben, sich damit bessere Chancen bei den Männern auszurechnen, findet wohl die Mehrzahl der Männer gar nicht so viel bis gar nichts an einer operierten Frau. Zahlreiche (nicht wissenschaftliche) Befragungen von vielen tausend Männern ergaben, dass diese „möglichst natürliche“ Frauen bevorzugten. Selbst nur geschminkte Frauen lehnten viele ab; besonders abstoßend finden sie aufgeblähte Silikonbusen und aufgespritzte „Schlauchbootlippen“.

 

Was aber ist es, das so viele unters Messer, in die Fitnessstudios und in den Diät-Terror treibt? Die meisten, so Experten, wollen sich wohl vor allem selbst genügen, weil sie das Ideal eines perfekten Körpers weitgehend verinnerlicht haben. Und dabei geht es nicht einfach nur um Schlanksein an sich, sondern das, was unsere Gesellschaft damit verbindet: Schlanke sind diszipliniert, leistungsbereit, kontrolliert und somit erfolgreich.

 

Dass das Äußere insgesamt so wichtig geworden ist, hat wohl mit der zunehmenden Individualisierung in unserer Gesellschaft zu tun. Früher definierte man sich über das, was man war, etwa Arbeiter, Angestellter oder Bauer. Heute muss man sich eine persönliche Identität erarbeiten, wobei jeder möglichst schlank, fit und faltenfrei aussehen und gleichzeitig Individualität und Besonderheit beweisen will, etwa durch Tattoos, Piercings oder Bärte.

 

Was schön ist, bestimmt auch der Zeitgeist

 

Dass die Medien und das unrealistische Perfektionsbild, das sie verbreiten, eine wichtige Rolle für die Entstehung des kollektiven Schönheitswahns spielen, liegt auf der Hand. Insgesamt ist es wohl ein Zusammenspiel aus dem aktuellen Zeitgeist und seinen Moden und deren medialer Aufbereitung, das festlegt, was schön und was unschön ist. Vor allem die technischen Möglichkeiten, die aus realen Körpern perfekte Bodys machen, spielen dabei eine wesentliche Rolle. Durch Retusche mit Photoshop und anderen Programmen verschwindet noch das kleinste Hüftröllchen, jedes Fältchen, jeder unerwünschte Leberfleck. So makellos, wie Bilder und Medien Menschen darstellen, ist jedoch niemand. Doch die medial aufbereiteten perfekten Bodys werden von uns „Normalos“ als Ideal verinnerlicht – und so hat ein realer Körper kaum noch eine Chance, als schön zu gelten. Mit der Folge, dass schon Kinder und Jugendliche und ein großer Teil der Erwachsenen bis ins Rentenalter so verbissen damit beschäftigt sind, ihren Körper zu perfektionieren.

 

Wie sich Schönheitswahn auf die Gesellschaft auswirkt...

 

Schönheitswahn bedeutet auch: Alles wird machbar, und alles, was nicht passt, kann beseitigt werden – sei es in einer Therapie, mittels einer Diät oder bei einer Schönheitsoperation. Die Gesellschaft will funktionierende Menschen in gesunden, perfekten Körpern – möglichst bis ins hohe Alter. Also tun wir dafür, was immer wir können – technischer Fortschritt und das Fallen immer mehr Tabus machen´s möglich. Was bei bestimmten Krankheiten und Störungen ein Segen ist, wird anderswo zum Fluch. Denn Perfektion zu erreichen, ist für Menschen nun mal unmöglich. Und dass ein perfekter Körper nicht zum persönlichen Glück führt, wissen nicht nur Psychologen. Wer unzufrieden mit seinem Leben insgesamt ist, wird das bleiben, auch wenn er körperliche Makel kaschiert, behebt oder wegoperiert. Und letztlich wird der ständige Drang, immer „besser“ zu werden, viele krank machen.

 

... und wie man ihm entkommen kann

 

Letztlich kann es also nur darum gehen, dem Schönheitswahn so etwas wie Vernunft und vor allem echtes Selbstwertgefühl entgegenzusetzen. Arbeiten wir doch lieber daran, uns selbst so anzunehmen wie wir sind (das ist schwer genug), statt jeden Tag ins Fitnessstudio zu rennen, uns mit knurrendem Magen ins Bett oder unters Messer eines Schönheitschirurgen zu legen. Und sehen wir doch Schönheit wieder als das, was sie wirklich ist: etwas subjektiv Empfundenes. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sagt der weise Volksmund. Jemand oder etwas, das wir lieben, finden wir schön, auch wenn er/sie/es manches Schönheitsideal nicht erfüllt. Vielleicht erinnern wir uns mal wieder daran? Glauben wieder mehr an so altmodische Dinge wie die „inneren Werte“, besinnen uns angesichts von so dramatischen Entwicklungen wie Klimawandel, Hungerkatastrophen und Flüchtlingselend darauf, was im Leben wirklich zählt. Perfektion an sich ist ja nicht schlecht, die Frage ist nur, in welcher Hinsicht und in welchem Ausmaß. Ich jedenfalls möchte in einer Welt leben, in der jeder – ob dick oder dünn, ob mit großer oder kleiner Nase, mit oder ohne Schambehaarung – so gut es geht versucht, die Welt ein kleines Stück perfekter zu machen. Aber bitte nicht in einer Welt der perfekten Körper.

 

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Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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