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Selbsthilfegruppen: manchmal noch wichtiger als Medizin

Kommentar schreiben Montag, 19. August 2019

Eine schwere Erkrankung wie Krebs, Multiple Sklerose oder Asthma, psychische Probleme, verschiedenste Süchte oder das Zusammenleben mit einem Süchtigen, Schwierigkeiten mit den Wechseljahren oder wiederkehrenden ungesunden Beziehungsmustern – es gibt Tausende von Gründen dafür, dass man manchmal alleine nicht mehr klarkommt. Viele suchen dann gezielt nach Schicksalsgenossen und Gleichgesinnten, um Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu stützen und Mut zu machen. In einer Selbsthilfegruppe ist so etwas am besten möglich.

 

Wie übernehme ich Eigenverantwortung bei einer Krankheit?

 

Selbsthilfegruppen sind laut dem Online-Lexikon Wikipedia „selbstorganisierte Zusammenschlüsse von Menschen, die ein gleiches Problem oder Anliegen haben und gemeinsam etwas dagegen bzw. dafür unternehmen möchten.“1 Hinter diesen nüchternen Worten steckt für viele eine klare Entscheidung, die sie eines Tages, oft nach einem langen, leidvollen Prozess, treffen und die nicht selten den ersten Schritt zur Heilung darstellen: Ich verkrieche mich mit meinem Problem nicht (mehr) allein in meinen vier Wänden. Ich will nicht mehr trinken/rauchen/Drogen nehmen. Ich überlasse nicht allein Ärzten und Therapeuten meine Behandlung. Ich will lernen, mit meinem speziellen Problem besser leben zu können und brauche dazu andere Menschen, die mir vielleicht zeigen können, wie ich das schaffe.

 

So vielfältig wie das Leben

 

Die Themen der rund 100.000 Selbsthilfegruppen, die in Deutschland etwa 3,5 Millionen Menschen besuchen, sind so vielfältig wie das Leben selbst.2 Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) mit Sitz in Berlin listet über 1000 Themen auf; allerdings gibt es auch themenunabhängige Gruppen, etwa Männer- oder Frauengruppen.3

 

Die wohl bekanntesten Selbsthilfegruppen sind die der „Anonymen Alkoholiker“4, nach deren Regeln, dem sogenannten „12-Schritte-Programm“5, sich inzwischen auch zahlreiche andere „Anonyme“-Gruppen gebildet haben, etwa die der Anonymen Spiel- oder Sexsüchtigen oder der Anonymen Co-Abhängigen, bei denen sich Angehörige oder Partner von Abhängigen zusammenschließen.

 

Kein Kaffeekränzchen: Was in einer Selbsthilfegruppe passiert

 

Für die Abläufe in einer Selbsthilfegruppe gibt es keine übergeordnet festgelegten „Vorschriften“ – jede Gruppe bestimmt selbst und führt die Treffen in Eigenverantwortung durch. Allerdings beruht die Arbeit der „Anonymen“-Gruppen nach Vorbild der Anonymen Alkoholiker auf grundsätzlich vorgegebenen, im „12-Schritte-Programm“ festgehaltenen Prinzipien. Diese können aber auch von Gruppe zu Gruppe individuell angewendet werden.

 

Dreh- und Angelpunkt der Treffen ist der Austausch, wobei jedes Gruppenmitglied frei entscheiden kann, ob es sich einbringen möchte oder nicht. Viele Gruppen, die ein spezifisches Thema haben, laden auch immer wieder Experten ein, die dann Vorträge halten und für Fragen zur Verfügung stehen.

 

Informations- und Erfahrungsaustausch also, praktische Lebenshilfe, emotionaler Halt und Motivation zum Durchhalten – so eine Selbsthilfegruppe ist alles andere als eine Art „Kaffeekränzchen“, wie viele, die noch nie solch eine Gruppe von innen gesehen haben, etwas abfällig meinen. In einem Spiegel-Artikel6 berichtet ein 67-Jähriger, der unter der schweren Lungenkrankheit COPD leidet, wie sehr seine Selbsthilfegruppe ihm das Leben erleichtert. Er selbst hält regelmäßig Vorträge über die Krankheit und lädt Lungenspezialisten in die Sitzungen ein. „Ich möchte, dass jeder aus jedem Treffen etwas für sich mitnimmt", wird der Mann im Artikel zitiert. Und das könne auch etwas ganz Banales sein, das aber das Leben mit COPD sogar retten könne, etwa die richtige Atem- oder Inhalationstechnik.

 

Mindestens zehn gute Gründe, in eine Selbsthilfegruppe zu gehen

 

Vieles spricht also dafür, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, wenn man selbst nicht mehr so recht weiterkommt. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat eine Broschüre mit „Zehn guten Gründen“7 aufgelegt. Diese sind leicht nachzuvollziehen. „Gleichgesinnte verstehen einander“ heißt es da zuallererst, „mit allem, was Sie beschäftigt und verzweifeln lässt.“ Auch seien Gleichbetroffene Experten, die sich mit allen Aspekten des jeweiligen Problems auskennen; so könne man viele wertvolle Informationen über das eigene Problem bekommen. Jeder könne mit den eigenen Erfahrungen den anderen helfen, heißt es weiter – in einer Selbsthilfegruppe sei man nicht mehr allein, sondern Teil einer Gemeinschaft.

 

Vor allem Abhängigen helfe die Gruppe, die „immer suchtmittelfrei“ sei, „zu verstehen, wie es so weit kommen konnte – und wie Sie die Sucht überwinden können.“ Gibt es doch einmal Rückfälle, etwa bei Alkoholikern und anderen Abhängigen, fängt die Gruppe auf, ohne zu verurteilen – und motiviert dazu, deswegen nicht aufzugeben. Falls eine Therapie absolviert wurde, kann die Gruppe eine große Hilfe dabei sein, Schritt für Schritt wieder in den normalen Alltag oder in ein suchtfreies Leben zu finden. Wie wirksam das anscheinend ist, zeigt eine Erhebung der fünf Selbsthilfeverbände aus dem Jahr 2010.8 

85 Prozent der Teilnehmer von Selbsthilfegruppen mit Suchtthemen werden nicht wieder rückfällig.

 

Ganz wichtig für viele, die mit psychischen Problemen und Grenzen in eine Gruppe kommen: Jeder wird akzeptiert und geschätzt, wie er ist. Das birgt die Chance, neues Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu entwickeln und (wieder) aus den eigenen Kraft-Ressourcen schöpfen zu können – eine Grundvoraussetzung, um das eigene Leben besser bewältigen, aufräumen und verändern zu können.

 

Nicht zuletzt kann eine Selbsthilfegruppe das soziale Umfeld enorm bereichern und viele neue Freunde schenken. Viele Gruppen sehen sich auch außerhalb der Treffen. „In Zeiten, da soziale Netzwerke (...) auseinanderbrechen, Menschen oft allein leben, bieten die Zusammenschlüsse wieder Raum für Gemeinschaft", sagt die Sozialpädagogin Petra Diekneite von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in Hamburg (KISS) im bereits erwähnten Spiegel-Artikel.6 Ganz nebenbei entlasteten Selbsthilfegruppen auch die Familien und Freunde, ebenso könnten sich Freunde und Familienmitglieder in einer Angehörigengruppe austauschen.

 

Alles freiwillig und kostenlos – doch ein wenig Verpflichtung gehört dazu

 

So selbstverantwortlich und eigenständig jede Gruppe arbeitet, so freiwillig und kostenlos die Besuche auch sind – wichtig ist es schon auch, sich selbst auf die Gruppe einzulassen und sie möglichst regelmäßig zu besuchen. Auch legen viele Gruppen fest, dass man sich abmeldet, wenn man mal nicht kommen kann oder Bescheid gibt, wenn man erwägt, aus der Gruppe auszutreten. Nur so kann eine Gruppe fest zusammenwachsen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Für viele ist Struktur und Verlässlichkeit auch ganz wichtig. Allein schon zu wissen: „Heute ist Dienstag, heute gehe ich zur Gruppe“, kann viel Halt geben.

 

Eine unerlässliche Regel ist auch, dass absolut alles, was in der Gruppe erzählt und geteilt wird, auch in der Gruppe bleibt. Es gilt also Schweigepflicht für jeden. Das ist besonders elementar für alle, denen es schwerfällt, etwas von sich preiszugeben.

 

Viele Vorteile – kaum Nachteile

 

Selbsthilfeorganisationen und -arbeitsgruppen empfehlen zudem, dass möglichst jeder Teilnehmer regelmäßig feste Aufgaben übernimmt, etwa die Öffentlichkeitsarbeit, die Raumorganisation oder die Gruppenleitung.Durch die geteilte Verantwortung entsteht in der Gruppe ein 'Wir-Gefühl', welches die Mitglieder enger zusammen schweißt“, heißt es etwa im Online-Portal zwänge.de.9 

 

Zudem könne durch solche Aufgaben „jeder Teilnehmer wichtige soziale Kompetenzen aufbauen.“ Gerade sehr beeinträchtigte Gruppenmitglieder könnten dadurch lernen, mehr Risiken im Umgang mit anderen Menschen einzugehen, einen regelmäßigen und verbindlichen Kontakt zu anderen Menschen erlernen und z.B. ihre Zwänge nach und nach abzubauen.  

 

Bei all den auf der Hand liegenden Vorteilen von Selbsthilfegruppen gibt es nur wenige Schwächen und Kritikpunkte. So bemängeln einige Experten für Suchtkrankheiten, dass die medizinische Wirksamkeit des Programms der „Anonymen“ kaum zu belegen sei, was nicht zuletzt an der Anonymität liege1. In die Kritik gerieten einige Selbsthilfegruppen und -organisationen mit medizinischen Themen, nachdem bekannt wurde, dass sie von multinationalen Pharmaunternehmen finanzielle Unterstützung erhalten hatten.10 Mittlerweile haben sich viele Arzneimittelunternehmen ebenso wie Selbsthilfeorganisationen entsprechende freiwillige Regeln auferlegt, die diese Praktiken nicht mehr erlauben sollen. Einige Pharmakonzerne legen ihre Zahlungen und Spenden an Selbsthilfeeinrichtungen inzwischen offen, andere Spender unterstützen Selbsthilfegruppen nur, wenn diese sich verpflichten, keine Gelder aus der Industrie anzunehmen.

 

Noch nicht die richtige Gruppe gefunden? Selbst aktiv werden geht auch!

 

Auch wenn es scheinbar zu allen möglichen Themen schon eine Gruppe gibt – vielleicht war die besuchte Gruppe noch nicht die richtige? Oder in der eigenen Stadt gibt es tatsächlich noch keine mit diesem einen, ganz speziellen Problem? Dann lohnt sich die Überlegung, selbst eine Selbsthilfegruppe aufzuziehen. Wie das geht, erfährt man in aller Regel bei der örtlichen Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (falls nicht direkt vor Ort, dann ganz sicher in der nächstgelegenen Stadt). Ein Blick ins Internet genügt ebenfalls – wir haben die wichtigsten Anlaufstellen und Kontaktadressen hier aufgelistet.

 

 

 

 

Quellenangaben (Stand 18.08.19):

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Selbsthilfegruppe

2  Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe; www.bag-selbsthilfe.de

3 https://www.nakos.de/themen/

4 https://www.anonyme-alkoholiker.de/

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf-Schritte-Programm

6 https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/selbsthilfegruppen-gespraechsrunden-entlasten-nicht-nur-betroffene-a-855205.html

7 https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Broschueren/2017_10-gute-Gruende.pdf

8 https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Arbeitsfeld_Selbsthilfe/Statistik_der__5_SH-Verbaende.pdf

9 http://www.zwaenge.de/selbsthilfe/selbsthilfegruppe_aufgaben.htm

10 https://www.zeit.de/2005/21/Pharmafirmen_neu

 

Weiterführende Infos und Links

Örtliche Selbsthilfegruppen erhalten Unterstützung bei Selbsthilfeorganisationen (Zusammenschlüsse von mehreren Selbsthilfegruppen, in der Regel auf Länder- und/oder Bundesebene als e. V. organisiert) und bei Selbsthilfekontaktstellen und -unterstützungseinrichtungen. Jeder Landkreis und jede Großstadt hat eine Selbsthilfekontaktstelle, alle sind bei NAKOS registriert. In den Kontaktstellen arbeiten professionelle Mitarbeiter, die beratend und begleitend tätig sind; Träger sind u.a. Wohlfahrtsverbände oder die Kommune.

Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS):

https://www.nakos.de/informationen/basiswissen/selbsthilfegruppen 

Außerdem gibt es rein ehrenamtliche Selbsthilfearbeitsgemeinschaften aus Selbsthilfegruppen, die keiner überregionalen Selbsthilfeorganisation angehören. Im Internet: Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e. V.; https://www.dag-shg.de und Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe; www.bag-selbsthilfe.de

Helga Boschitz
Autor: Helga Boschitz

Helga Boschitz, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Texterin, lebt in Nürnberg und gehört seit Januar 2016 zum apomio.de-Team. Nach Studium und Ausbildung arbeitete sie seit Anfang der 1990er-Jahre als Magazinredakteurin und Moderatorin in Hörfunk- und Fernsehredaktionen u.a. beim Südwestrundfunk, Hessischen Rundfunk und Westdeutschen Rundfunk. Medizin- und Verbraucherthemen sind ihr aus ihrer Arbeit für das Magazin „Schrot und Korn“ sowie aus verschiedenen Tätigkeiten als Texterin vertraut.

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